Wider dem Richtgeist
Wider dem Richtgeist
Predigt über Lukas 6; 36-42
Alte Menschen sind zu teuer, kranke Menschen braucht nun wirklich Niemand, leistungsfähig muss man sein, smart, elegant und vor allen Dingen überaus erfolgsorientiert - wer hier nicht reinzupassen vermag - ja, das müssen Sie nun einmal eingestehen, gehört nicht wirklich in diese unsere Welt von heute.
Habe ich Sie schockiert?
Nun ja, schockiert sein kann man durchaus, wenn man sich einmal den Grundwasserspiegel der heutigen Vorurteile, die vielen Schubladen vor das innere Auge ruft, in die der Mensch von heute, der noch Würde und Wert für sich in Anspruch
nehmen möchte, allenthalben hineinzupassen hat. Wer nun einmal anders ist, der sollte sich, wenn irgend möglich, bemühen, sich in den Schmelztiegel des Gesellschaftsdurchschnitts einzupassen.
Wie in so vielen Dingen nimmt auch in diesem unseren Fall Jesus in seiner Feldpredigt im 6. Kapitel des Lukasevangeliums eine dem diametral entgegengesetzte Position ein. „Wider den Richtgeist„ heißt es hier in der Überschrift. Dieses „du sollst nicht richten„ haben wir alle gleichsam schon irgendwie einmal gehört, wenngleich dessen Beachtung gerade in der heutigen Zeit so erschreckend wenig gelebte Beachtung zugebilligt wird.
Der von Gott gemachte Mensch, der allenthalben sündig und unvollkommen seinen Lebensweg in dieser Welt zu finden versucht, ist sich einander gerade in seiner Fehlerhaftigkeit ähnlich. Im Richten des Anderen richten wir uns selbst, im Verdammen des Anderen verdammen wir uns selbst, da wir gerade in unserer selbstgemachten und somit leeren Eigenerhebung Gott zur Seite drängen, uns von ihm entfernen und so mit Hochmut geblähten Segeln unserem Untergang entgegenfahren.
Richtet nicht auf das ihr nicht gerichtet werdet - nur was genau bedeutet das?
Um sich dieser Frage in seiner ihr zustehenden Tiefe begegnen zu können, müssen wir kurz umreißen, was richten gerade nicht ist.
Richten sollte in diesem Falle nicht mit zurechtweisen verwechselt werden. Richten obliegt dem allmächtigen Gott, zurechtweisen ist eine heilige Pflicht an meinem Gegenüber, wenn dieser vom Maßstab der Gott gegebenen Wahrheit abzufallen scheint. Fehlverhalten nicht tot schweigen, nicht unter dem Teppich der Konfliktscheue kehren, denn ein Christentum, dass sich scheut, Konflikte auszutragen entleert seine Bedeutung in dieser Welt und erniedrigt sich zu einer Vereinsgruppe, die einer Utopie hinterherläuft, an die sie gar nicht so recht zu glauben vermag.
Das richten, so wie Jesus es hier anspricht, hat immer etwas mit einer Eigenerhöhung und einer Erniedrigung meines Gegenübers zu tun. Ein Richten „ auf Augenhöhe„ kann und wird es so nicht geben. Im richten über meinen Nächsten erhebe ich mich in meiner Selbstergötzung über meinen Bruder, indem ich über ihn ein Urteil spreche. Ich, der „Gerechte„ - wie sonst sollte man sonst richten - nehme meinen Nächsten buchstäblich am Kragen und werfe ihn mit einem kühnen Schwung an Scheinheiligkeit in eine von mir erbaute Schublade, in die er sich gefälligst einzupassen hat. Das ein solches Urteil allenthalben Stückwerk des Unvollkommenen ist, verliert an Bedeutung.
Alles, darunter auch die Menschen die uns begegnen, nehmen wir aus unserer subjektiven Sichtweise wahr - ganz wichtig in diesem Zusammenhang erscheint mir herauszustellen, daß diese Wahrnehmung eben allenthalben nur Stückwerk und eine persönlich subjektive Interpretation dessen ist, was mein Gegenüber an Person und Persönlichkeit ist und darstellt. Das Privileg, den Menschen ganz in seiner kompletten Fülle erkennen zu können, ist nun allenthalben Gott dem Allmächtigen vorbehalten. Nur er kann daher richten, nur sein Urteil ist gerecht.
Doch wie erreicht man das? Wie kann man zu einer inneren Haltung gelangen, die dem zu tiefst menschlichen Trieb, die Umwelt und die mir begegnenden Menschen zu beurteilen, ja vielmehr noch zu verurteilen, Einhalt zu gebieten vermag?
Begreifen und erfassen Sie, was und wer Sie in dieser Welt sind. Begreifen Sie, das Sie allenthalben wie jedes andere menschliche Wesen in der Spannweite zwischen göttlicher Höhe und menschlicher Tiefe ausgespannt sind. Erschaffen Sie ein realistisches Selbstbild, nur so werden Sie zu der Erkenntnis gelangen, daß wir alle unvollkommene menschliche Wesen sind, das wir nicht aus uns selbst heraus existieren, sondern Gott gehören. Nur die innere Aufnahme dieser Erkenntnis kann den Keim der Eigenerhöhung, dessen Krankheitssysmptome unter anderen im richten über den Nächsten seine Ausbreitung findet, wirksam entgegenwirken. Wie stark auch immer mein Gegenüber an mir schuldig geworden ist, egal wie sehr meine Seele in Aufruhr und Verletzung versetzt wurde - das richten über meinen Nächsten wiegt allenthalben genauso schwer, wie die Tat, über die wir zu richten gedenken. Warum? Weil wir in dem Moment, in dem wir verurteilen, verdammen und richten Gott beiseite schieben und uns selbst zur moralischen Grundgröße erklären die zu entscheiden hat, was gut und was böse ist. Ein solches Verhalten steht in der Nachfolge des gefallenen Adam und nicht des auferstandenen Christus.
Wenn Sie also das nächste Mal in der Versuchung stehen sollten, über einen anderen Menschen das Urteil sprechen zu wollen, halten Sie inne und - beten Sie!
Übergeben Sie das richten, die Durchsetzung von Recht und das Aufrichten von Gerechtigkeit gegenüber meinem Nächsten in die Hände dessen, der allein die Wahrheit und die Gerechtigkeit ist - Christus. Tragen Sie ihre Verletzung zu ihm hin, anstatt Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen. Gott ist Gerechtigkeit - und alles wird eines Tages ans Licht geholt werden, so verborgen es auch jetzt erscheinen mag - ein jeder erhält eines Tages sein Urteil nach seinen Taten ohne Ansehen der Person oder mit den Worten des 37 Psalms: „ Werden Sie ruhig vor dem Herrn und erwarten gelassen sein Tun„.
Wenn Sie so handeln, werden Sie Erstaunliches in ihrem Leben feststellen - tag täglich sind auch wir zahlreichen Urteilen - oder VOR-Urteilen- ausgesetzt. Wenn Sie im Vertrauen auf Christus ihren menschlichen Richtgeist in seine Hände zu legen, werden Sie automatisch immunisiert gegen „Richtsprüche„ die uns zu treffen versuchen. Was kümmert Sie ein Menschenurteil vor dem Hintergrund, das allein Gott der Gerechte ist und daher als Einzigster befähigt ist, über Sie zu urteilen? Wer außer Gott kennt Sie wirklich? Wer außer Gott kann also wahrhaftig und gerechte ein Urteil über Sie fällen?
Denken Sie immer daran, wenn Sie wieder einmal das Salzwasser der Kritik Sie zu würgen versucht - tragen Sie alles zu Gott, von dem wir alle sind und dem wir allein alle gehören, denn dies ist unser einzigster Trost im Leben und im Sterben ( vgl. Heidelberger Katechismus).
Verfolgen wir einmal den hier zu betrachtenden Text des 6. Kapitels des Lukasevangelium weiter, so werden wir erkennen, daß Jesus nicht nur das Richten, sondern gleichwohl auch das Verdammen verbietet, welches in meinen Augen in der Brunnenstube des Richtens bereits infektiös zu wüten versteht.
„Verdammt nicht auf das ihr nicht verdammt werdet„ - wie häufig sehen wir nach einer seelischen Verletzung die einzigste Möglichkeit unser Gesicht zu wahren, indem wir uns von der Person abwenden, ihn aus unserem Leben ein für alle Mal verdammen. Nur vergessen wir dabei, daß wenn wir „einen Menschen verachten oder verdammen, wir nie etwas aus ihm machen können„ ( Dietrich Bonhoeffer). Wir handeln somit unchristlich an unserem Bruder, da wir ihn in seiner Schuld und seinem Fehlverhalten zurücklassen, ihn den „breiten Weg„ weiter beschreiten lassen und somit seinen Untergang billigend in Kauf nehmen.
Verdammen heißt in meinen Augen immer, unsere Verletzung in blinde Wut zu transformieren damit diese sich mit ihrer ganzen Gewalt gegen unseren Nächsten richten möge - verdammen setzt sich nicht mit dem Nächsten auseinander, verdammen fragt nicht nach Motiven des Fehlverhaltens, verdammen fragt auch leider niemals nach unserer eigenen Mitschuld. Verdammen trägt den Keim der Endgültigkeit in sich, die Polyphonie des „ nie wider etwas mit dieser Person zu tun haben wollens„ - doch dabei gerät in Vergessenheit, daß allein Gott der Allmächtige in den Maßstäben der Endgültigkeit agieren kann. Nur er kann richten, nur er kann verdammen oder selig sprechen - er ist der gute Hirte und nur er allein kennt seine Schafe.
Doch wohl viel wichtiger ist doch die Frage zur Beantwortung zu führen, wie man sich verhalten soll, wenn einem die Last der seelischen Verletzung mit aller Macht entgegenschlägt und wir fast reflexartig dazu geneigt sind, unseren Gegenüber zu verdammen, ihm seinen Schicksal endgültig zu übereignen?
Zuerst - BETEN SIE. Bitten Sie Jesus Christus um Hilfe, um Kraft und Besinnung, auf das er ihnen die Bürde der Verletzung, die ihnen zu Teil wurde abzunehmen vermag, Sie stärkt, leitet und führt. Vergessen Sie niemals: in Christus Jesus begegnet uns eine Kraft, die größer ist als unsere Lasten, als unsere Probleme - ja größer ist als diese Welt und unsere Vorstellungskraft von ihr. In der Besinnung auf die Macht seiner Stärke werden wir unüberwindbar für das Böse, denn Gott gibt uns in jeder Situation „ soviel Widerstandskraft, wie wir benötigen - hingegen nicht im Vorhinein, damit wir uns auf ihn und nicht auf uns verlassen„ ( Dietrich Bonhoeffer). Trauen Sie Gott das zu, lassen Sie zu, daß er im Moment des Betens ihre Seele zu heilen vermag - glauben Sie mir - nur er allein kann ihre Seele heilen, da wir allein ihm gehören!
Besinnen Sie sich darauf, wie viel Gott jeden Tag an unseren eigenen Sünden zu leiden und zu tragen hat. Ihre Wut und Verzweiflung wird schlagartig kleiner werden, wenn Sie zu der Erkenntnis gelangen, wie unvollkommen Sie selbst sind. Gott liebt uns so sehr, daß er in seiner Barmherzigkeit und Liebe seinen Sohn der Welt übergab, uns somit mit seiner Liebe übergossen hat indem er in die Kleinheit des Menschseins hinunterstieg. Gleichwohl - unsere Sündhaftigkeit ist nicht weniger geworden - jeden Tag - dies können wir getrost alle behaupten - versündigen wir uns gegen Gott, der uns dennoch in seiner grenzenlosen Liebe nicht der Verdammnis überlässt. Was gebärden wir uns also, wenn auch wir einmal verletzt werden? Wir stehen in der Nachfolge Jesu Christi - dies ist kein leichter Weg, hingegen der einzige, der uns zum wahren „menschwerden„ zu führen vermag. Gerade im Verletztsein, im Leiden ist uns Christus besonders nahe, Leiden gehört allenthalben zum Menschsein dazu - das sollten wir niemals vergessen.
Üben Sie in allem Barmherzigkeit und Vergebung, so wie Gott uns und einem jeden Einzelnen jeden Tag Vergebung und Barmherzigkeit angedeihen lässt.
Nur: Barmherzigkeit - was heißt das eigentlich?
Ich bin der Meinung, das in der Tiefenschärfe dieses großen Begriffs die Worte Erbarmen und Herzlichkeit zum Vorschein treten.
Erbarmen bedeutet in meinen Augen ein gelebtes „ trotzalledem„ zu sein. Christlich zu handeln, trotzdem mein Gegenüber es vielleicht nach seinem Verhalten nach nicht verdient hat gleichwohl auch wir Gottes Erbarmen nicht durch Taten oder Verhalten verdient haben, aber dennoch tag täglich daran teilhaftig werden. Wir dürfen nichts hassen oder verdammen, was Christus liebt. Wir haben als in seiner Nachfolge Stehende einem Beispiel zu folgen - wir haben die Verpflichtung, immer Gutes zu tun an unserem Nächsten, unabhängig davon, wie sehr er uns zu schaden versucht, wie sehr er uns zu demütigen versteht - gerade hier liegt die Brunnenstube alles Christlichen - nämlich „ wie Christus„ an unserem Bruder zu handeln.
Dies gelingt uns allerdings nur, wenn wir unsere ängstliche Selbstverkapselung aufgeben, die uns ständig danach drängt, unser Ich gegen alle Anfeindungen verteidigen zu wollen. Treten wir heraus aus dieser ängstlichen Vorsicht, denn im Glauben können wir alles ertragen, da Gott uns nahe ist, uns leitend gegenübersteht. „ Was ist der einzige Trost im Leben und im Sterben? Das ich mir nicht selbst gehöre, sondern meinem Heiland Jesus Christus„ ( Heidelberger Katechismus) - wir gehören Gott - er allein wird und er allein kann uns schützen und halten - ja, er allein kann uns durch das „ dunkle Tal der Finsternis„ ( vgl Psalm 23) hindurchführen - und eins ist gewiß: er wird uns durch alle Stürme und Hagelschläge dieses Lebens hindurchgeleiten - trauen Sie Gott doch mehr zu - nur so gelangen Sie zu der Erkenntnis, das Sie selbst ihre unzulängliche, menschlich Eigenverteidigung nicht bedürfen, denn Gott ist größer als alles, was ihnen zur Bedrohung reichen könnte.
Ein Mitarbeiter der Barmherzigkeit werden - das muss unser aller Ziel werden, denn ein wahrlich Barmherziger kann und wird nicht richten, ein wahrhaftig Barmherziger kann und wird nicht verdammen, sondern gleich seinem Herrn Jesus Christus vergeben und gerade so das „Böse durch das Gute bekämpfen„ können. Im Handeln in Barmherzigkeit treten wir in die vergebende Macht der Liebe Gottes ein, die um so ein Vielfaches Größer ist als alle Macht des Bösen. Gerade in der Vergebung öffnen wir uns selbst - ja gerade hier weisen wir über uns hinaus und erlangen nur so in der Erniedrigung wahre Größe.
Der von Gott gemachte Mensch, der allenthalben sündig und unvollkommen seinen Lebensweg in dieser Welt zu finden versucht, ist sich einander gerade in seiner Fehlerhaftigkeit ähnlich. Im Richten des Anderen richten wir uns selbst, im Verdammen des Anderen verdammen wir uns selbst, da wir gerade in unserer selbstgemachten und somit leeren Eigenerhebung Gott zur Seite drängen, uns von ihm entfernen und so mit Hochmut geblähten Segeln unserem Untergang entgegenfahren.
Treten Sie heraus aus der Sphäre der Selbstgerechtigkeit - erkennen Sie den „ Balken in ihrem eigenen Auge - erkennen Sie, daß so schwer die Verletzung von unserem Gegenüber auch sein mag, Sie nicht minder sündig sind und daß gleichwohl auch Sie jeden Tag auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind, die uns in Übermaßen und Fülle täglich überströmt.
Treten Sie in die Nachfolge Christi , erkennen Sie, das Leiden zum Menschsein hinzugehört und das gerade im Leiden Christus uns besonders nahe ist, uns trägt und durch das dunkle Tal hindurchgeleitet. LERNEN SIE BARMHERZIGKEIT - verschreiben Sie ihr Leben der Barmherzigkeit - übergeben Sie ihr Wohl Gott dem Herrn, denn er allein vermag Sie zu schützen und zu führen.
Denn der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, das wir uns nicht selbst gehören, sondern Gott, dem Heiland - ihm sei Ehre und Lobpreis jetzt und in aller Ewigkeit
AMEN
