Wann lernen wir Vergebung?
Vergebung – Heilkraft der Seele
Liebe Schwestern und Brüder in Christo,
Es ist soweit – in er kommenden Woche besucht das Oberhaupt der katholischen Kirche sein Heimatland Deutschland. Neben der Freude vieler, mischen sich auch Misstöne in das eigentlich so schöne Lied. Frauenrechte, Frauen als Priester, das Zölibat und, und,und. Die Themen sind uns weitläufig bekannt und beantwortet. Klar ist: die Kirche Jesu Christi ist kein modernes Unternehmen, das sich in den Jahren und Jahrzehnten neu aufstellt, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die Kirche ist dem Wort des Herrn verpflichtet. Ungeteilt, ewig, unbeirrbar. Und doch bekommen wir jene Themen nicht aus dem Kopf.
Und überhaupt – kaum ein Amt ist so umstritten wie das des Papstes. Und warum? Weil er eben nicht opportunistisch ist, weil er eben nicht gedankenlos mit der Zeit geht, weil ihm die Wahrheit des Wortes Gottes Verpflichtung und Maß geworden ist. Und dann noch die Sache mit dem Unfehlbarkeitsdogma. Man glaubt es nicht. Der Papst Vikar Jesu Christi? Das geht aber zu weit! Also ist schlussendlich die Kirche Prügelknabe und die wohl am längsten existierende und angefeindete Organisation dieser Welt. Ein zweifelhafter Ruhm!
Wieviel böses Blut, wie viel Streit und Gezänk könnte vom Antlitz dieser Welt verschwinden, wenn Kirchen –und Papstgegner nicht nur in ein starres Lamento verfallen, Platituden absondern, letztlich aber nicht wissen, wo gegen sie eigentlich sind.
Eine jede Diskussion braucht Argumente, braucht Menschen, die sich wissend um das Thema strebend nach einer rechten Lösung für beide Parteien bemühen. Doch so weit kommt es leider oftmals nicht.
Denn wie kann es sein, das muslimische Organisationen blindlings auf dem Papst nach seiner Regensburger Rede einschlagen, ohne offensichtlich die Rede überhaupt gelesen, überhaupt verstanden zu haben? Ja, wie viel Ärger und Feindschaft könnte verhindert werden!
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – es geht nicht darum, die Kirche und ihre Glieder per se eine weiße Weste anzudichten. Die Kirche trägt Schuld auf ihren Schultern, die Kirche benötigt die Vergebung Gottes so wie wir alle. Ohne Ausnahme!
Die Kirche Jesu Christi beging Fehler, beging Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aus Verblendung wurde das Kreuzesopfer Jesu beschmutzt, erniedrigt, gedemütigt. Dafür gibt es keine Entschuldigung, keine Selbstvergebung oder Trost. Das Vergangene ist vorbei, ist hinter dem Vorhang der Unwiederholbarkeit geschlüpft.
In diesem Zusammenhang denke ich an das heutige Evangelium des Lukas, 2. Kapitel, die Verse 36-50.
Jesu Salbung durch die Sünderin
36 Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl
38 und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl.
39 Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
40 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es!
41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig.
42 Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?
43 Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.
46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben.
49 Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch die Sünden vergibt?
50 Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!
Hier prallen zwei Welten aufeinander. Der selbstgerechte Pharisäer, der gern einmal mit Vorurteilen einen Menschen als unwert ansieht und Jesus Christus, den Sohn Gottes, vor dem kein Ansehen der Person jemals gelten wird. Jesus ist die Wahrheit und die Liebe – wie wir es hier gerade hörten.
Und dann die Sünderin. Sie hat verstanden: ihr Leben muss eine Änderung erfahren. Sie muss sich aus den Fesseln von Schuld und Erniedrigung befreien, sie muss einfach wieder Boden unter die Füße bekommen.
Sie hörte von dem Nazarener, dem Messias, der Tote erweckt, Kranke heilt und für die Wahrheit lebt. Er ist es, dieser Jesus. Er ist der verheißene Retter.
Das Evangelium macht klar: Erlösung kann nur aus der Vergebung erwachsen. Jesus heilt diese Frau von ihr selbst, von Gedanken der Erniedrigung und Scham. Er richtet ihren Blick wieder auf, auf zu den anderen, zu den scheinbar so sündlosen Sündern, deren Leben im Lichte Christi oftmals Grund zur Verzweiflung, nicht der Arroganz gibt.
Jesus macht klar: bei ihm gibt es Vergebung aus dem Glauben heraus. Gerechtfertigt vor dem Herrn ist der/die, der sich zu Jesus umdreht, der sich an seine Füße setzt und sein Leben ganz und gar in seine Hände legt.
Kein noch so ehrfürchtiges Tun, keine Guttaten, keine Gesetzestreue kann hier weiterhelfen. Während die Sünder die Vergebung Gottes suchen werden einige Pharisäer vor dem Herrn gefragt, wo sie denn waren, als er hungerte, dürstete, einsam war oder im Gefängnis. Selbstgerechtigkeit verdammt, denn nur das Geschenk der Vergebung kann erlösen, heilen, besänftigen.
Ungläubig schaut der Pharisäer auf Jesus. Kann er das denn glauben, womöglich gut heißen? Doch klar ist: dieser Jesus spricht Worte Gottes. Je größer die Schuld, desto mehr Liebe kann aus der Kraft der Vergebung daraus erwachsen. Hier wird nicht abgerechnet wie in einer Bilanz, die am Ende ausgeglichen sein muss. Dieser Jesus kam, uns zu retten und eben nicht, um uns zu richten.
Immer, wenn ich mein Facebook Account öffne, lese ich oftmals sehr klare Worte gegen die Katholische Kirche. Papst, Sexualmoral, die scheinbar nicht mehr in unsere Zeit passt und Vieles mehr. Da wird oftmals hart, oftmals ungerecht mit der Kirche Jesu Christi abgerechnet.
Plötzlich steht die Kirche da als eine Institution, die eigentlich entbehrlich geworden scheint. Und überhaupt: die ganzen Missbrauchsfälle sprechen doch eine klare Sprache. Irgendwann würde ich gern erfahren, welche das sein soll. Kirche ist out – das nennt man Zeitgeist.
Eines ist nicht weg zu argumentieren – die Kirche hat Schuld auf sich geladen. Doch sollte man nicht der Kirche die gleichen Rechte einräumen, die wir in unserem Leben? Wollen wir Anprangerung? Wollen wir eine Verurteilung ohne zweite Chance? Wollen wir diese Härte gegenüber unseren Fehlern und Sünden?
Während Sie diese Zeilen lesen werden Sie erkennen, das die Kirche Jesu Christi eine Kirche sein muss, die sich zu Füßen unseres Herrn setzt. Dort muss sie verweilen, dort muss sie demütig ihren Dienst verrichten, aber gleichermaßen auch Vergebung erfahren.
Eine aufechte, klare Kirche ist wie die Sünderin, die sich Jesus preisgibt – ohne wenn und aber.
Das Herz der Kirche darf dann aber auch nicht dem Zeitgeist unterstehen.
Und gerade das macht den Reiz, aber auch das Potential aus, aus dem der Glaube und die Kirche nur all zu gern an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden soll. Oftmals gelingt das sogar. Denn wenn man dem Papst als Oberhaupt des Vatikanstaates kein Rederecht im Deutschen Bundestag erteilen will, so macht das deutlich: wir alle müssen von dieser Sünderin zu den Füßen Jesu noch viel lernen. Was kümmern uns so große Gedankengebilde von Laizismus oder Moral, wenn darüber entschieden werden soll, wer in unserem Parlament Rederecht erteilt bekommt. Alles in allem erfüllt mich dieser Hahnenkampf um für und wider des Papstbesuchs in Deutschland mit Unverständnis. Ist denn ein solcher Besuch despektierlich gegenüber der nicht-christlichen Welt? Wohl kaum. Und doch wird klar: der Besuch Benedikt XVI in Deutschland wird zu weiten Teilen scheinbar als ansteckende Krankheit betrachtet. Bloß nichts von Papst und Kirche in die Medien – denn man könnte sonst noch denken, wir alle fänden das auch noch gut! Trauriges Deutschland.
„Vergebung ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebensstil.“
Martin Luther King
Weshalb beginnen wir nicht, das Urteil über die Kirche Jesu Christi, dem Herrn anheim zu stellen? SO wie ein jeder von uns die verzeihende Gnade und Liebe d es Herrn braucht, so braucht diese Vergebung auch unsere schuldige und sündhafte dabei aber gleichsam heilig und gebrauchte Kirche. Hören wir auf, ständig Themen und Vorwürfe gegenüber den Prinzipien der Kirche, über ihre Entbehrlichkeit zu ventilieren. Ja, die Kirche trägt Schuld. Doch Christus trägt die Schuld aller. Sehen Sie, welche Kraft die Vergebung hat? Ich wünsche ihnen das von Herzen. Ich wünsche Ihnen, das Sie in ihrem Leben klar erkennen, welche Macht in der Barmherzigkeit und Vergebung liegt. Denn: „ Vergebung ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebenstil“ (Martin Luther King).
