Gott, wo bist Du?
"Ich will Barmherzigkeit und keine Opfer" ( Mt. 9,12) Auszug
Liebe Schwestern und Brüder in Christo,
der 11. September. Ein Datum, das seinen grausamen Erinnerungswert in unser Gedächtnis eingebrannt hat. Ich kann die Brutalität, die Menschenverachtung nicht vergessen. Ich kann all die Opfer dieses feigen Aktes nicht vergessen. Ich kann die vielen Familien, die liebe Menschen verloren haben, nicht vergessen. Es sind Daten wie diese, die uns klar machen: der Mensch ist wunderbar erschaffen, erschaffen Gutes zu tun, aber auch befähigt, jede Menschlichkeit zu verlieren. Es sind Tage wie dieser, die uns klar machen: es gibt das Böse, es gibt die Realitäten von Gewalt und Tod, es gibt diesen Teil der Seele, der dunkel, der fern von Verstand und Herz an der Gottesschöpfung zweifeln läßt.
Der 11. September - der Tag, an dem im Namen Gottes Terroristen nur noch danach trachteten, den größt möglichen Schaden, die größtmögliche Zahl von Todesopfern zu fordern.
Während mir all die furchtbaren Bilder in den Sinn kommen, bin ich zutiefst erschüttert, das sich Menschen erdreisten, im Namen Gottes Taten zu begehen, die allein dem Mephistopheles alle Ehre machen.
Natürlich will ich jetzt keine Religionsdebatte einfordern - das haben wir ja schon vielfach hinter uns gelassen.
Dennoch: wir können nicht die Augen verschließen vor den Realitäten.
Der Terror, das Morden um jeden Preis passiert ja nicht losgelöst von Religionen oder Anschauungen. Konkret: islamische Fundamentalisten begingen und begehen Taten der Unmenschlichkeit, in einer widerlichen Degeneration von Menschlichkeit, in der das Gute scheinbar verbrannt zu sein scheint.
Viele Menschen, auch Anhänger des Islam, behaupten, das es nicht Kern der Religion sei, heilige Kriege gegen Gott und die Welt zu führen. Diesen Menschen sage ich: der Islam hat ein großes, ein existenzgefährdendes Problem, gekennzeichnet von Gewalt und Fanatismus. Niemand kann hier seine Augen davor verschließen. Eine Religion, die andere Menschen außerhalb der eigenen religion als Ungläubige, als Menschen der dritten Klasse deklassiert, der darf sich über fundamentale Auswüchse nicht wundern. Eine Religion, in der Krieg sanktioniert wird, Hauptsache die Glaubensherrschaft wird ursurpatorisch an sich gerissen - eine solche Religion muss sich viele Fragen gefallen lassen. Religion, das heißt auch: Verantwortung zu haben dafür, das niemals das Grundgesetz der menschlichen Würde verletzt werden darf. Hier erkenne ich noch erheblichen Handlungsbedarf. Denn was sollen Beteuerungen islamischer Glaubensführer, die dann doch letztlich nicht in der Lage sind, Menschenhass und Verblendung aus eben jener Religion zu entfernen.
Natürlich dürfen wir hier niemals alle Islamisten über einen Kamm scheren. Denn es gibt viele, die sich klar und eindeutig zu einem Gottesbild bekennen, das frei ist von Gewaltgedanken und Rachegelüsten. Nur vergessen wir hier niemals die andere, die dunkle Seite, die dringend der Heilung bedarf. Wir dürfen das niemals vergessen.
Für mich ist eines ganz klar: ein zurückschlagen, eine Gegenkraft aus Gewalt und Tätertum zu initialisieren - das kann und wird niemals zu Frieden, zu Mitmenschlichkeit führen.
Denn schauen wir auf Afghanistan - Gewalt und Gegengewalt, tausende Opfer, gestorbene Soldaten - all das hat uns nicht weitergebracht.
Während ich diese Zeilen schreibe, kommen mir die Worte des 9. Kapitels des Matthäusevangeliums in den Sinn.
Gott spricht: "Ich will Barmherzigkeit und keine Opfer" ( Mt. 9,12).
Klare Worte, nicht nur für uns Christen.
Nur wieso verstehen wir sie nicht? Wie kann eine Religion glauben, das es dem eigenen Gottesbild gefällt, wenn Andersdenkende, Menschen mit anderen religiösen Werten gerade deshalb getötet, gefoltert, verschleppt werden? Traut der Islamismus dem Gott Abrahams so wenig zu?
Gott erschuf den Menschen, den freien Menschen. Er suchte kein geducktes Wesen, das jedwede Eigenverantwortung leugnete. Leben und Freiheit - das ist Schöpfungsrealität. Wer nicht mehr an die Freiheit des Menschen glaubt, der glaubt nicht an Gott, sondern einem abstrusen Götzen.
Einige von Ihnen denken jetzt vielleicht, wie es denn der liebende, barmherzige Gott solche Tragösien wie die des 11. Septembers überhaupt zuläßt? Hat er einfach kein Interesse? Ist ihm diese Welt egal, betrachtet er uns vielleicht etwa aus der Ferne, mehr aber nicht?
Freiheit ist ein großes Wort. Viele Bedeutungen sind ihm in den 2011 Erdenjahren schon gegeben worden. Klar ist: Freiheit ist nicht Willkür, Freiheit muss immer an etwa gebunden, auf etwas hin ausgerichtet sein. Freiheit, die davon ausgeht, keine Ethik oder Moral gelten zu lassen, versklavt den Menschen unweigerlich.
Doch was soll man noch glauben? Warum hat Gott diese Tragödie nicht verhindert? Wieso läßt er soviel Leid zu?
Die Antwort: weil der Mensch zur Freiheit geboren ist. Das bedeutet: ein Leben mit Gott ist niemals ein Leben ohne Sorgen, ohne seelische Verletzungen, denn die Welt ist gleichermaßen kein Garten Eden für jene Privilegierte, die an Gott glauben. Wir leben in dieser Welt. Das sind die Karten, die wir auf der Hand haben - bessere wird das Leben nicht für uns bereit halten.
Und dennoch: auf die Frage: wo war Gott der Herr am 11.09. kann ich nun antworten: er war bei den Passagieren, bei jenen Menschen, die im Dunst des Terrors ihr Leben verloren. Er war bei jedem Feuerwehrmann, jedem Helfer, denen unbeschreibliche Grausamkeiten begegneten. Gott war immer dort - in Liebe, in Barmherzigkeit. Gott unterscheidet nicht zwischen Leben und Tod, denn er ist das Leben im irdischen Sinne und gleichermaßen Leben über das Leben des Diesseits hinaus. Versuchen wir immer mehr und immer tiefer in dieses Geheimnis dieses liebenden Gottes zu steigen. Machen wir uns auf, Gott unser Leben und unser zweites Leben in seine liebenden Hände zu geben. Denn ich weiß, das mein Erlöser lebt. Sie auch?
