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Ostern 2011

„Gott ist tot und wir haben ihn getötet!“ ( Nietzsche)



Der Friede unseres Herrn sei alle Zeit mit euch!

Liebe Schwestern und Brüder,

die Welt ohne Gott. Wie sähe die wohl aus? Dunkler? Kälter? Chaotischer? Oder vielleicht einfach nur lebensfeindlicher? Oder aber wäre es ganz anders, vielleicht würde sich unser Leben nicht all zu sehr ändern?
Klar ist: letztlich ist es die Religion Europas, die unserer Zeit, dem Leben und dem Jahr Feste, Struktur und Halt geben. Die Woche, ja oftmals die Struktur unseres Alltags ist daselbst verwoben mit unserem Leben. Doch ist das alles? Ist das alles, was uns von Gott geblieben ist? Im feiern um des feierns wegen würden Weihnachten oder aber das Osterfest leer, sinnlos, auf den Feiertag, der den Alltag Ruhe und Unterbrechung gibt, reduziert.
Sind wir vielleicht schon so abgestumpft, das wir aufgehört haben, unser Leben zu hinterfragen? Brauchen wir keine Antworten mehr auf die Fragen des Lebens? Wer trägt das Leben, wozu sind wir hier auf Erden und überhaupt: ist das Leben, wie wir es tag täglich erfahren, der alleinige, gesuchte Sinn des Lebens? War das hier alles, war ein leben voller Mühe und Arbeit, voller Angst und Suche, voller Furcht und Verzweiflung alles, was dem Menschen zugedacht ist? Sind wir dann nicht die bedauerndsten Wesen dieser Welt, Schöpfung? Was wenn es eben keine letzte Instanz, keine letzte Gerechtigkeit gäbe? Dann würden die Mächtigen siegen, die Schwachen verlieren, dann wären die Skrupellosen die Sieger im Spiel des Lebens, der Schwache, der vielleicht verletzbare, sensible denen unterlegen, die den Ellenbogen werktäglich zu benutzen wissen. Möchten wir eine solche Welt? Möchten wir auf solche einer Erde leben? Was für einen Sinn macht dann ein Leben, das sich nichts zu schulden kommen lässt, was für einen Sinn haben Ethik und Moral, wenn letztlich wir bekennen müssen: „The winner takes it all! Also nieder mit der Moral, weg mit Anstand und Menschlichkeit, zum Teufel mit Geboten und Verboten, die doch dann letztlich keinen Sinn mehr im Leben spielen. Packen wir unsere Ellenbogen heraus, gehen wir brutal gegen die anderen vor, die dann im Spiel des Daseins allenthalben Feinde, Konkurrenten, Bedroher unseres Glücks sind. Und was wird mit dem, der sensibel, der verletzbar ist, dem es eben nicht gegeben ist, unter Ausschaltung jeder Selbstreflexion seelisch zu wenig verdorben sind, um dem Weg der Welt richtig, konsequent zu beschreiten? Der wird halt eben Sklave der Verdorbenheit oder aber wird letztlich von den anderen zertreten. Sozialdarwinismus in seiner verdorbendsten Ausprägung!
Also raus aus der Kirche, hinein in die kleine Welt jedes einzelnen – machen wir uns auf, bevor uns vielleicht der Andere noch überholt.

Sie merken – ich habe die Predigt noch nicht beendet. Glauben Sie nicht auch, das man gegen das eben Gesagte aufstehen müsste, das sich der Mensch in seinem eigenen Käfig die Hölle auf Erden bereitet?

Liebe Schwestern und Brüder. Wir feiern Ostern, das Hochfest Gottes, das uns ganz klar entgegenruft: der Tod ist überwunden – die Liebe hat gesiegt, der Mensch ist erlöst, aufgerichtet, geliebt, mit einer Liebe, die keine Taten verlangt, eine Liebe, die wahrlich Geschenk für uns ist und eben keine Trophäe, die wir mit unserer Brillianz erworben haben!



Der Mensch ist endlich befreit von sich selbst.
Wir haben wieder Hoffnung – Hoffnung auf Leben, Hoffnung auf Trost, Hoffnung auf Liebe. Gott hat sich preisgeben unserer Schuld, Christus wurde der sündlos Schuldige, der unseren Tod hinein in seine Auferstehung stellte, der uns die Tür zum ewigen, zum wahren Leben aufstieß. Doch einfach ist es nicht, das zu glauben, zu glauben, das Gott Realität ist und eben nicht nur ein entferntes Fatum, dem wir vielleicht nie begegnen werden.
Dennoch frage ich mich: hat die Menschheit begriffen, was Gott für uns tat, welche Größe das Osterfest eigentlich hat? Ostern ist nicht einfach ein Fest mit ein paar freien Tagen. Auch wenn das oft geglaubt wird. Denn kritisch frage ich: was wissen wir eigentlich noch von Gott? Was wissen wir vom Glauben, was wissen wir um die Dimension des Menschen, was wissen wir von uns selbst? Denn der Glaube ist dem Christen zur Heimat geworden, dem Heiden zur unerträglichen Banalität, ja vielmehr eine Torheit, ein Rudiment der Sensibilität für eben jene, die nichts so wirklich „auf die Reihe kriegen“.

***

Gott ist tot!

Karfreitag – Todestag Christi. Die Evangelien berichten uns, wie Christus als der sündlos Schuldige am Kreuz des Kalvarienberges voller Qual, voller Verachtung, gedemütigt und gefoltert unsere Sündenschuld bezahlt. Schauen wir auf diesen Christus von Golgatha.
Was müssen die Jünger Jesu empfunden haben, als sie erkannten, das sie alle ihren Herrn in seinen letzten Stunden kläglich allein ließen, was muss Maria, die Mutter Gottes, für Seelenschmerz ertragen müssen, als sie ihren Sohn so am Kreuzestod hat sterben sehen müssen.
Woran sollten sie jetzt noch glauben? Diesem Jesus sind sie gefolgt, haben Strapazen und Ablehnung ertragen müssen, doch immer waren sie gewiss darüber: hier steht jemand an unserer Seite, mit dem unser Leben sich radikal ändern wird. Die Unfreiheit unter den römischen Machthabern, alle Schikanen und Verleumdungen – all das wird unter diesem Mann aus Nazareth einmal überwunden sein. Dieser Jesus ist der Christus, auf den wir warten, egal ob diese Welt das erkannt hat. Gott ist nahe bei uns – allein das zählt.

Und jetzt im Blick auf das Kreuz bricht alle Hoffnung zusammen. Hier geschieht kein Wunder, hier steigt eben nicht der Herr dieser Welt von seinem Kreuz hinab, hier wird das Leben dieses Mannes beendet. Unveränderlich. Unumkehrbar.
Also haben sie der falschen Lehre unterworfen? Sicherlich, plausibel, beeindruckend und hoffnungsvoll waren seine Worte. Dennoch: der Sohn Gottes kann doch nicht durch Menschenhand sterben! Also war dieser Christus doch ein Hochstapler? Waren Sein Glaube, seine Worte und Taten letztlich nur Größenwahn und Gotteslästerung? Wenn nicht, warum mussten wir dann diese Enttäuschung erleben, warum haben wir so oft unser Leben aufs Spiel gesetzt für einen Mann, der letztlich scheinbar nicht mehr war als seine Anhänger? Und überhaupt: den Menschen hat er geholfen, jeden Hilfesuchenden hat er geholfen, doch seine Jünger lässt er hier im Stich!
Alles erscheint den Jüngern Christi so sinnlos. Wozu also weitermachen? Wieso seine Worte weiter in diese Welt hinein tragen, wenn er doch als Gescheiterter, als Verliere vom Platz geht?
Enttäuschung und gewiss auch Wut machen sich bei den Jüngern breit. Doch vergessen sie: unter ihnen ist die Mutter dieses Rebellen namens Jesu. Mir kommt hier das Bild vor Augen, in dem Jesu auf dem Schoß seiner Mutter liegt. Tot. Der Leib zerschunden. Seine Worte sind mit ihm gestorben.
Was geht hier in einer Mutter vor? Denn klar ist: der Verlust des eigenen Kindes ist wohl das Brutalste, was einer Mutter, einem Vater passieren kann. Hier stirbt ein Teil der Eltern mit dem Kind, das einst ein Stück von einem selbst geworden ist.

Liebe Schwestern und Brüder: heute am Karfreitag blicken wir alle mit unseren doch so verschiedenen Lebensentwürfen hinauf auf das Kreuz vom Kalvarienberg.
Gott ist tot, das heißt auch: die Wahrheit ist gestorben. Der letzte Grund von Ethik, der letzte Halt für den Menschen nicht in seiner eigenen Bosheit zu ersticken – tot. Und irgendwie macht sich die Frage darüber breit, was aus uns und dem Glauben werden soll.

Die Erfahrung der Jünger, die Trauer der Mutter Gottes – all das ist uns so fremd nicht. Meikn Blick in unsere Runde macht klar: dem Tod entrinnt keiner, niemand wird sein Leben verbringen, ohne dabei mit dem Tod konfrontiert zu werden. Liebe Menschen sterben, Halt und Hoffnung oftmals mit ihnen. Und darüber hinaus: ein jeder von uns weiß, das er sterben wird.
Im Schatten des Karfreitags blicken wir auf den scheinbar Gescheiterten, auf Jesus Christus. Fragen tun sich auf. Welchen Sinn hat das Leben, wozu rackert man sich ab, wenn doch nach ein paar Erdenjahren nichts mehr kommen wird? Was für einen Sinn hat das alles?
Jeden Tag werden wir mit dem Tod konfrontiert. Schon allein das Fernsehen ist voll von Tragödien, voll von Leid und Tod. Ob der Bürgerkrieg, Terrorismus oder Mord und Totschlag – der Tor, das Sterben bleibt uns unwiderruflich vor Augen.
Karfreitag – heute blicken wir alle auf ein Grab, das in sich alles verbirgt, was den Anhängern Jesu Trost und Zuversicht bot. Christus ist nicht mehr. Der Tod hat scheinbar gesiegt, das Leben hat verloren. So einfach scheint das zu sein.

Was ist der Mensch, das du seiner gedenkst – dieses Psalmwort stellt Fragen an uns. Denn wenn wir dem Tod ausgeliefert sind, wie jede Kreatur dieser Welt, wenn nach dem oft so qualvollen sterben eben nichts mehr kommt, dann bedeutet das: Gott hat uns aus dem Blick genommen, dann werden wir in dem finsteren Tal dieser Welt nie herausfinden hinein in ein Licht, ein ewiges Licht.
Gott ist tot und wir haben ihn getötet!

Karsamstag – der Tod hat gesiegt?

Tag 1 ohne Gott. Christus ist tot, unsere Hoffnung ist tot, seine Worte sind tot. Es bleibt ein Grab als traurige Erinnerung daran, das wir hier auf Erden die bedauernswertesten Menschn überhaupt geworden sind. Denn ohne den Glauben erscheint alles sinnlos- Liebe, Familie,Arbeit, Karriere – all das verbleibt als Schein in dieser Welt, doch das bedeutet auch: das letzte Hemd hat keine Taschen.
Letztlich wird unser Geld ein anderer erben, der dafür nichts getan hat. Letztlich wird man uns vergessen, als ob es einen nie gegeben hätte. Ein normales Phänomen. Dennoch: wenn der Tod das letzte Wort hat, dann ist unser Leben ein Gastspiel – ohne Dauer, ohne Sinn, ohne Fortsetzung. Wie also in dieser Dunkelheit ein Licht der Hoffnung finden?

Ein jeder, der einen lieben Menschen zu Grabe tragen musste kennt diese Karsamstagerfahrungen. Unser Gegenüber ist verschwunden. Seine Gegenwart, seine Liebe und Wärme sind verschwunden. Plötzlich, ohne Wiederkehr, endgültig. Und auch hier stellt sich die Frage: welchen Sinn hat das Leben, vielmehr noch die Frage: welchen Sinn hat ein streben nach dem Guten, ein streben hin zum Altruismus, befreit von Egoismen und Vergütungsmentalität. Es gibt nämlich Menschen, die am liebsten unsere Atemluft noch bepreisen wollen. Nie ist es genug.
Doch unsere Karsamstagserfahrung hat ihre guten Seiten. Denn der Karsamstag daselbst führt uns vor Augen, wie kalt und leer diese Welt ist, ohne den, der die Liebe für uns wurde.
Gerade heute erkennen wir: der Glaube an den Herrn ist der wichtigste und wertvollste Schatz unseres Lebens. Das erkennen wir gerade dann, wo es eigentlich schon zu spät ist.
Bedrückend, aber auch heilsam kann ein solches denken erscheinen. Bedrückend, da der Tod den Keim der Ewigkeit trägt, heilsam gerade deshalb, weil man in sich selbst begreift, welche Größe und Dimension unser Glaube wirklich hat. Gerade hier erkennen wir: wer glaubt ist nie allein, wer glaubt, der lebt, auch wenn er dieser Welt stirbt.

ER IST WAHRHAFTIG AUFERSTANDEN! AMEN!