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Darf man töten?

Darf man töten?

Bonhoeffers Konspiration

Das Attentat auf Adolf Hitler - Heldentat oder Verrat an christlichen Werten?


Dietrich Bonhoeffer, einer der wohl bekanntesten evangelischen Widerstandskämpfer zur Zeit der NS Diktatur, polarisiert in seiner Mithilfe an der Organisation des Attentats auf Adolf Hitler bis heute. Bis in die 90 iger Jahre hinein, galt seine Verurteilung zum Tode als rechtsgültiger Akt.
In diesem Zusammenhang soll nun beleuchtet werden, was Bonhoeffers Motive waren, welche christliche Erklärung er daselbst für seine Tat erkannte und ob man tatsächlich Gottes Gebot „ Du sollst nicht töten„ in bestimmten Situationen außer Kraft gesetzt sehen kann.

Dietrich Bonhoeffers Wirken war eingesenkt in eine Zeit, in der das antichristliche Verhalten eines durch Diktatur geprägten Staatssystems eigentlich einen jeden Christen zum Widerstand hätte rufen müssen. Doch Einschüchterung, Angst und die offenkundige Faszination des ungefilterten Bösen schläferte den Widerstand an vielen Stellen unmaßvoll ein.
Das jüdische Volk wurde seitdem staatslegitimiert als „vogelfrei„ deklariert - Untermenschen sollten sie sein, Brüche der Menschenrechte an diesen Menschen wurde als Recht in diesem Staat deklariert.
Die Kirche Christi, deren Widerstand man gerade dann erwarten würde, wenn christliche Werte und Normen mit Füßen getreten werden, floh feige „ vor den Wölfen„ und überließ die „Herde„ sich selbst.. Kein Widerstand, keine Tat sollte sich gegen Hitler wenden. Ungehindert gelang es ihm, die Kirche zu einer Institution seiner Handlangerschaft zu transformieren.

Dietrich Bonhoeffer, ein großer Theologe und Christ, sah sich den Machenschaften des „Antichristen„ ausgesetzt. Alles wofür Christus starb, wofür Gott und Kirche stehen, wurde mit Schmutz beworfen und ins Gegenteilige verkehrt.
„Gott ist tot und wir haben ihn umgebracht„ - dieses deprimierende Zitat Nietzsches, des Lieblingsschriftstellers Adolf Hitlers, prägte sein Verhalten in erschreckender Weise. Gott sollte es einfach nicht mehr geben, an seine Stelle trat die wahnerfüllte Gestalt des „ Führers„, der nunmehr Religion und Gewissen der Menschen sein sollte. Gleichermaßen wie der Teufel sich im Besitz aller Weltreiche sah, welche er Jesus in seiner Versuchung zu Füßen legen wollte, lag Hitlers streben wohl auf einer sehr ähnlichen Ebene.
In der Begegnung Dietrich Bonhoeffers mit dem Regime des Nationalsozialismus traf wirklicher Glauben an Gott, an seine Werte und Gebote mit dessen Konversion ins Gegenteilige, dem ungefiltert Verkommenen und Bösen, zusammen.

„ Du sollst nicht töten„( 2. Mose 20,13)

Jeder Mensch, ja vielmehr noch ein jedes Leben auf dieser Erde, ist von Gott erschaffen, von ihm geliebt, gewollt und gebraucht.
Dieses Leben, das nun einmal nicht uns, sondern Gott gehört, zu achten und zu respektieren ist wohl eine der wesenhaftesten Pflichten des Christen und „ wer einen anderen tötet, der ist des Gerichts schuldig„ ( vgl.Mt.5,21).
Man darf nicht hassen, nicht vernichten, was Gott liebt.

Gottes Schöpfung zu ehren, auch das Böse dieser Welt anzunehmen und mit den Augen der Liebe Gottes zu sehen, in dem uns begegnenden Menschen, so unsympathisch oder „ seelisch heruntergekommen„ er auch sein mag, den Nächsten zu erkennen, für den Christus gleichwohl gestorben ist - dies ist Verpflichtung des Christen, gestern, heute und auch morgen.
Gott ist Liebe, er ist der Sinn, der aller Schöpfung vorausgeht - jede Gewalt, die zur Zerstörung führt, ist somit nicht syn logo, oder gottgemäß, anzusehen.

Gleichwohl trägt Gott in all seinen Geboten den Grundsatz der Freiheit immer Rechnung. Du sollst nicht - kein dogmatisches „ du hast nicht„ findet hier seinen Niederschlag.
Daher bleibt es unsere Aufgabe zu beleuchten, inwieweit eine Übertretung eines Gebotes Gottes überhaupt passieren darf oder ob die einfältige Befolgung der Gebote die wahre Pflicht des Christen ist.
Versperrt uns das Nachdenken über Gottes Regeln die wahre Nachfolge von Christus?
Wie beeinflusste diese unsere Überlegung auch das Handeln Dietrich Bonhoeffers?

Die verantwortliche Tat des Christenmenschen

Was genau bedeutet das? Welche Verpflichtung geht der Christ in dieser Welt ein in seiner Nachfolge Jesu Christi?

Verantwortung bedeutet in meinen Augen zu erst einmal Abkehr von einer Beliebigkeit des Handelns. In meiner Verantwortung, sei es in Beruf oder Privatleben, handle ich für Jemanden, in dessen Interesse, allenthalben zu seinem Besten.
Der Christenmensch ist zur Verantwortung an einem jeden Menschen gerufen. Leben ohne Verantwortung endet in Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit.

Verantwortung bedeutet gleichwohl, das man auch schuldig werden kann in Ausübung dieser Verantwortlichkeit. Das Töten eines Geiselnehmers zur Befreiung der Geisel macht uns schuldig an Gottes Gebot, an dem Menschen, der Person des Geiselnehmers, rettet allerdings gleichermaßen das Leben der unschuldigen Geisel.

Christus, der sündlos als Gottes Sohn in die Welt kam, wurde durch seine Liebe zu uns mit Schuld und Sünde beladen, da er stellvertretend für uns alle den Kreuzestod erlitt. Wir alle, die im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in dem Sakrament der Taufe in Christi Nachfolgerschaft stehen, sind mit unseren Stärken, Schwächen, ja vielmehr unserer ganzen Person zur Stellvertreterschaft des Handelns für Christus berufen.
Wir als Christen sind Teil des Leibes Christi - nicht mehr wir leben, sondern Christus lebt in uns.
Unser Leben ist in die Verantwortung eingelassen, Gottes Werte, seine Gesinnung und vor allem seine Liebe in dieser Welt abzubilden. Daher kann eine solche Stellvertretung auch in der Übernahme von Schuld münden, über die allein Gott, der allmächtige Richter, am Ende der Zeit gnadenvoll richten wird.

Um zu der eingangs gestellten Frage argumentativ zurückzukehren, müssen wir den Zugang zu der Problematik finden, inwieweit die Verantwortung des Christen in der strengen, einfältigen und situationsunabhängigen Befolgung der Gebote Gottes besteht, oder aber ob unsere Beziehung zu Gott uns individuell herausruft und in eine Situation hineinführen kann, die einer Entscheidung bedarf, die verantwortlich vor Gott getroffen auch dem Wortlaut seiner Gebote zuwiderlaufen kann.





Gewissen und Vernunft - die Maßgrößen der Verantwortung

In vielen Situationen unseres Lebens werden wir zu einer Entscheidung unseres Gewissens gerufen. Doch was genau ist das, das Gewissen?

Zuersteinmal, das Gewissen ist eine innere Stimme, ein letztes Bollwerk gegen menschliche Autorität und Beeinflussbarkeit. Auch wenn wir eigentlich den bequemen Weg der Angepasstheit manchmal gehen mögen, uns der Druck der Autorität des Gegenübers beugen wollen, ruft uns unser Gewissen oftmals zu einer Umkehr aus dieser Versuchung. Das wir leider allzu wenig unserem Gewissen zu folgen verstehen begründet dies häufig den Boden für Entscheidungen, die vom Grundsatz dem Götzen Angepasstheit dienen, nicht aber der Wahrheit, zu deren Bewahrung gerade wir Christen berufen sind.

Das Gewissen eines Menschen prägt in wesenhafter Weise das geistliche Leben einer Person. Als moralische Instanz in unserem Selbst wacht es über unsere Entscheidungen und Taten.
Unser Gewissen ist tief in unsere Seele eingelassen und von daher auch von deren Zustand geprägt. Bei vielen Menschen kommt einem unweigerlich die Frage vor Augen, wie diese ihre ganz evidente moralische Verkommenheit mit ihrem Gewissen vereinen können - die Antwort: eine verschüttete Seele, der die Vernehmbarkeit des Guten abhanden gekommen ist, die nicht mehr aus sich heraus zum Tun des Richtigen, sondern allenthalben zur Protektion des eigenen Egoismus fähig ist - eine solche Seele vergiftet und entstellt ein Gewissen. Nicht die moralentsättigte Tat kann hier verurteilt werden, da ja auch ein solcher Mensch ganz evident seinem Gewissen folgte, sondern die Tatsache, das die Seele dieser Person derartig entwürdigt und entstellt wurde, das diese immoralen und evident schlechten Taten für die Person selbst als gerechtfertigt und adäquat aufgefasst werden.

Das Gewissen eines Menschen steht grundsätzlich in Verbindung mit dem „ Geist„ der Person, es verbindet sozusagen das Innerste des Menschen mit seinen äußeren Taten.

Christus, ganz Gott und ganz Mensch, der das wahrhaftig Gute und die wahrhaftige Körperlichkeit der Liebe ist, starb für die Sünde der Menschen, da sein Wille, dein Tun, seine ganze Existenz ganz und gar eingesunken war in den Willen des Vaters. Diesem Willen des Vaters zu folgen prägte sein Gewissen, sein Handeln, sein ganzes Leben. „ Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Leidenskelch austrinken muss, dann soll geschehen was du willst„ ( Mt,26,42) - kurz vor seinem Leiden betete Jesus zum Vater, das dieser den Kelch des Leidens an ihm vorbeigehen lassen möge - hier spricht der Mensch Christus zu Gott, der in Angst lebt, der sich fürchtet und sich verloren fühlt. Doch sein Gewissen, das in dem Willen Gottes verankert ist ruft ihn und spricht : „ nicht mein Wille, sondern sein Wille geschehe.

Der Christ, der eine tiefe Beziehung zu Gott wahrlich lebt, der getrieben wird vom Heiligen Geist Gottes, ein solcher Mensch trägt das Wort Gottes in seinem Herzen. Sein Gewissen orientiert sich nicht an seiner verdorbenen, sündigen menschlichen Natur, sondern an den Maßstäben Gottes, die tief in seiner Seele eingewurzelt sind.

Gottes Gebote, wie sie uns von Mose überliefert wurden, dienten dem Aufrichten von Liebe und Mitmenschlichkeit in der Welt. Deus caritas est - Gott ist die Liebe, dies Gebot steht über allen Geboten und Worten, die er an uns Menschen richtet.

Dietrich Bonhoeffer erkannte und vernahm das Schreien der tausenden jüdischen Seelen, die maßstabslos und unmenschlich verfolgt und vernichtet wurden.
Sein Gewissen, eingebettet in Gottes Liebe, rief ihn zur Verantwortung, zur Mitmenschlichkeit und zum Handeln.
Wenn alles, wofür Christlichkeit, wofür Gott steht, mit den Stiefeln des Bösen geschunden wird, dann kann unser Gewissen nicht der stoischen, wörtlichen Befolgung des Wortes Gottes folgen. Dann muss der Sinn des Evangeliums, das Gebot der Liebe und Mitmenschlichkeit, welches über allen Geboten steht, unser Handeln bestimmen. Das lutherische „ Sola scriptura„ ( das Wort allein) findet in meinen Augen hier seine handelnde Einschränkung, da Gottes Offenbarung über das Evangelium Christi hinausgeht. Gott spricht persönlich an, er stellt uns verantwortlich vor Situationen und Entscheidungen, die wir gleichermaßen mit Verantwortung vor Gott zu lösen und zu treffen haben.

Die verantwortliche Tat des Christen muss also immer situativ neu mit unserem Gewissen und dem Willen Gottes zusammenfallen. Wir sind sein Werkzeug in seiner Hand, Gott gebraucht uns frei nach seinem Willen - immer wieder neu werden die Situationen sein, zu deren Klärung er den Menschen braucht - daher kann unser verantwortungsvolles Handeln nie pauschal im vorhinein festgelegt sein sondern immer neu ringend mit Gottes Willen gefunden werden.

Die Ultima Ratio und die Gnade Gottes

Gott, der Logos, der schöpferische Sinn, der Mensch und Erde und was auf ihr ist geschaffen hat, verurteilt in seinem Evangelium die Anwendung von Gewalt.„ Selig sind die friedfertigen, denn ihnen wird die Erde gehören„ ( vgl. 5. Kapitel des Matthäusevangeliums) - die Anwendung von Gewalt ist also nicht gottgemäßes Handeln an seiner Schöpfung.

„ Wer das Schwert zieht, der wird durch das Schwert umkommen„ ( vgl. Mt.26,52) - wer also Gewalt anwendet, gegen den wird sie sich richten.
Dietrich Bonhoeffer sah allein in der Tötung des Adlatus des Bösen, Adolf Hitler, die ultima ratio - die einzige, letzte Lösung.
Wie konnte er das denken?
Bonhoeffer sah sich in einer unvergleichlichen Situation - er wusste und nahm es auch billigend in Kauf, das eine Gewaltanwendung sich gegen ihn und sein Leben gleichermaßen richten könnte - doch er stellte Gottes Willen, den er mit den Augen seines Gewissens vernahm, über das seines leiblichen Lebens und des Triebs zur Selbsterhaltung. Er sah sich in dieser Ausnahmesituation zum Handeln gerufen.
Ein stillhalten, ein mediatives, vermittelndes Verhalten, das sich der Gewaltanwendung entzieht, das die Leiden der Menschen weiter seinen Lauf lassen würde, hatte Dietrich Bonhoeffer als falsch, als nicht syn logo ( gottgemäß) erkannt.
Diese Situation, in die Dietrich Bonhoeffer gestellt wurde zeigt seht deutlich, das das reine Kalkül, das Bessere und das Schlechtere gegeneinander abzuwägen allein nicht reicht, da die vordergründig richtige Entscheidung, das Gewaltanwendung a priori falsch ist, in dieser Situation das verheerend Falsche dargestellt hätte. Das rationale Kalkül ist ohne die Einbeziehung des Gewissens wertlos und leer.

Sicherlich lässt sich nicht dispensieren, das ein solches verantwortliches Handeln auch mit der Übernahme von Schuld einher gehen kann und wird. Hingegen ein Handeln, das diese Schuldübernahme verhindern will, missachtet das Gesetz der Gnade Gottes.
Durch Gottes Gnade leben wir, handeln wir, glauben wir. Auch wenn meine verantwortliche Tat mich schuldig macht, so treffe ich doch immer auf die Gnade Gottes, die mich liebend auffängt, mich tröstet und mir vergibt.
Allein Gott, der unsere Motive, unser hadern mit unserem Gewissen kennt, ist allein berechtigt, über das Gut und Böse unserer Taten zu richten - „ der Herr ist ein Richter über das alles„ ( vgl. 1.Th.4,6).

Bonhoeffer wusste, das das Töten, ein Attentat auf Adolf Hitler, dem V. Gebot Gottes zuwider lief, das er sich schuldig machte an dem Menschen und an Gott. Dennoch bezog Bonhoeffers Gewissen die Gnade Gottes mit ein, sein ringen mit Gott führte ihn zu der Gewissheit, das seine Entscheidung, zu der er gerufen wurde, vor Gott die rechte sein würde, da Gott allein der Richter über Gut und Böse ist, das Gott dem Sünder vergibt. Wer sollte ihn verurteilen, wenn Gott ihn freispricht?
Gottes Gnade entfernt die Befleckung der Sünde aus der verantwortlichen Tat vor Gott - er rechtfertigt sowohl das Handeln als auch den Handelnden.

Dietrich Bonhoeffer wirkte bei seiner Hinrichtung ruhig, gefasst und gelassen. „ Wer das Schwert zieht, der wird durch das Schwert umkommen„ ( Mt.26,52) - dies hatte er als Preis für seine verantwortliche Tat in Kauf genommen. Er überwand sich selbst, seinen Trieb zur Selbsterhaltung, in dem er sich in seinem Widerstand gegen die Unmenschlichkeit eines Regimes selbst überwand.
„ Dies ist das Ende, für mich der Anfang des Lebens„ - diese, seine letzten Worte transportieren seine Hoffnung, sein Wissen, das er niemals tiefer als in Gottes Hände fallen kann, das Gott ihn durch die Dunkelheiten tragen wird und er mit gnadenvollen, ausgestreckten Armen auf ihn wartet.

Bitten wir daher den Herrn darum, das auch wir uns unserer Verantwortung in dieser Welt bewusst werden. Das wir sprechen, wenn andere schweigen, das wir aufstehen, wo andere sitzen bleiben. Bitten wir ihn um die Stärke, das rechte Handeln zu wagen, in Verantwortung vor Gott zu leben und somit uns selbst immer wieder selbst zu überwinden, um uns dadurch endlich selbst zu finden.


Berlin, im Januar 2007



Michael Otto

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