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Die Passion Christi

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Ereignisse am Lebensende
Einzug in Jerusalem

Mk 11,1–11 EU, dem Mt und Lk im Kern folgen, stellt Jesu Ankunft in Jerusalem als einen von einer Pilgermenge bejubelten öffentlichen Einritt des Messias auf einem Esel dar. Schon das Auffinden des Reittiers (v. 1–6) spielt auf biblische Motive an, etwa auf 1Sam 9 oder Gen 49,9ff.[77] Jesu Eselsritt soll an Sach 9,9–11 EU erinnern: Dort wird der Amtsantritt eines machtlosen Messias angekündigt, der die Kriegswaffen in Israel abschaffen und allen Völkern Frieden gebieten werde. Dieses nachexilische Messiasbild hielt die frühere Verheißung universaler Abrüstung fest, die in Israel beginnen sollte (Schwerter zu Pflugscharen Jes 2,2–4/Mi 4,1–5), und widersprach damit Hoffnungen auf einen Davidnachfolger, der die Fremdherrscher aus Israel vertreiben und das Großreich Israel wiederaufrichten werde.

Eben diese Erwartung war zur Zeit Jesu im Volk verbreitet (v. 9f):

„Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn! Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt. Hosanna in der Höhe!“

Der Anruf – wörtlich Gott, rette doch! – zitiert Ps 118,25a und war im Judentum bei hohen Kultfesten und Inthronisationen üblich (z. B. 2Sam 14,4; 2Kön 6,26). Der, der kommt im Namen Gottes meinte den erwarteten Messias (Mt 11,3; 23,39, Lk 7,19; 13,35).[78] Mit dem Ausstreuen von Palmzweigen (v. 8), einem antiken Triumphsymbol, feierten Juden ihre Siege über Nichtjuden (Jdt 15,12; 1Makk 13,51; 2Makk 10,7). Einzüge jüdischer Thron- und Messiasanwärter standen damals immer in einem kriegerischen, oft aufständischen Kontext.[79]

Die Szene gilt in dieser Gestaltung nicht als historisch. Gerd Theißen zufolge wurde Jesu Einzug bewusst als „Gegenbild zum Einzug des Präfekten in die Stadt zu den drei großen Festen“ dargestellt.[80] John Dominic Crossan hält den Eselsritt für nachträglich dazu erfunden, da diese öffentliche Demonstration die Römer sofort zur Festnahme Jesu veranlasst hätte.[81]

Dass Jesus zuvor messianische Hoffnungen der Landbevölkerung geweckt hatte, gilt als wahrscheinlich, etwa wenn er den Armen den Landbesitz zusagte (Mt 5,3), seine Heiltaten als Realisierung dieser Zusagen erklärte (Lk 11,20) und sich als Sohn Davids anreden ließ (Mk 10,46.49). Vor diesem Hintergrund bedeutete ein Jerusalembesuch zum Pessach eine Konfrontation mit den dortigen Machteliten – Sadduzäern und Römern –, bei der Jesus das Todesrisiko bewusst gewesen sein muss.[82] Ein demonstrativer Gewaltverzicht, der an ein gewaltloses Messiasbild erinnerte, hätte den Erwartungen der Bevölkerung widersprochen, entspricht aber für echt gehaltenen Aussagen Jesu wie Mk 10,42ff EU: Danach sei er gekommen, als Menschensohn allen wie ein Sklave zu dienen, um der Unterdrückung durch Gewaltherrscher seine herrschaftsfreie Vertrauensgemeinschaft entgegenzustellen.[83]
Kritik am Tempelkult
Giotto di Bondone – „Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel“

Der Jerusalemer Tempel war das kultische Zentrum des gesamten damaligen Judentums und die Existenzgrundlage der Sadduzäer, wie es auch die Evangelien voraussetzen. Nach Mk 1,44 sandte Jesus in Galiläa Geheilte zu den Tempelpriestern, damit diese ihre Gesundung feststellten und sie wieder in die Gesellschaft aufnahmen. Seine Tora-Auslegung lehnte Opfer nicht direkt ab, ordnete sie aber der Nächstenliebe unter (Mt 5,23f). Auch Tempelspenden hat er nach Mk 12,41ff gebilligt. Die überlieferten Diskussionen Jesu mit Jerusalemer Schriftlehrern fanden nach Mk 11,11.18.27; 12,35 im oder beim Tempel statt. Sie bestätigen die legendarische Notiz Lk 2,42ff., wonach Jesus mit Schriftlehrern im Tempel diskutierte, diesen also als Gottes- und Lehrhaus anerkannte.

Doch in Jerusalem soll Jesus gegenüber seinen Jüngern (Mk 13,2) wie auch öffentlich (Mt 23,38) die Zerstörung der Tempelstadt angekündigt und sich dabei auf Jeremias ähnliche Prophezeiung (Jer 22,5) bezogen haben, die diesen fast sein Leben gekostet hatte (Jer 26,6ff). Ob Jesu Prophezeiung authentisch ist oder ihm nach der Tempelzerstörung 70 n. Chr. in den Mund gelegt wurde, ist umstritten.[84]

Nach allen Evangelien (Mk 11,15–19; Joh 2,13–17) vertrieb Jesus kurz darauf einige Opfertierhändler und Geldwechsler aus dem Tempelvorhof für Nichtjuden - wahrscheinlich die königliche Säulenhalle an der Tempelsüdseite - mit der Begründung (Mk 11,17 EU):

„Steht nicht geschrieben (Jes 56,7): ‚Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker sein‘? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“

Demnach sollte die Vertreibung im Sinne Deuterojesajas auch Nichtjuden ungehinderten Zugang zum jüdischen Gotteshaus eröffnen.[85] Da die vertriebenen Händler auch die von fast allen Juden jährlich entrichtete Tempelsteuer einnahmen, mit der der Opferkult hauptsächlich finanziert wurde[86], konnte die Aktion als Angriff auf den ganzen Tempelkult aufgefasst werden. Das würde die folgende Festnahme und Auslieferung Jesu an Pilatus plausibel machen.

Daher gilt die Aktion im Kern meist als historisch. Peter Stuhlmacher versteht sie im Kontext der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu als Angriff auf den sadduzäischen Tempelkult, der eine Kultreform einleiten wollte und damit einen impliziten Messiasanspruch erhob. Denn apokryphe jüdische Texte vom Toten Meer (z.B. PsSal 17,30; 4Q flor 1,1-11) verknüpften die Erwartung einer Reinigung und Neuerrichtung des Tempels mit der Ankunft des Messias. Damit habe Jesus die folgenden Gegenmaßnahmen der Tempelpriester ausgelöst.[87] Nach Jens Schröter beabsichtigte Jesus mit dem Angriff, „in Analogie zu seiner Kritik an den Reinheitsgeboten die an den vorhandenen Institutionen orientierte Verfassung Israels in Frage zu stellen“ und wie Johannes der Täufer auf die unmittelbare Begegnung mit Gott vorzubereiten.[88]

Oft wird angenommen, dass das bei Jesu späterem Verhör zitierte Wort eines Tempelabrisses und -neubaus (Mk 14,58) bei der Tempelaktion gefallen ist: eventuell in der andere auffordernden Form nach Joh 2,13, nicht aber bei einem nur hier vorausgesetzten früheren Jerusalembesuch. Nach Jostein Adna bekräftigte dieses Wort Jesu Glauben an einen unmittelbar bevorstehenden Durchbruch des Reiches Gottes, dem der alte Tempel und sein Gottesdienst weichen müsse. Er habe die Ablehnung seines damit verbundenen Umkehrrufs erwartet, diese zugleich provoziert und sich so selbst an die erwartete Hinrichtung ausgeliefert. Denn er habe geglaubt, Gottes Heilshandeln könne sich bei ausbleibender Umkehr seiner Adressaten nur durch „seinen Sühnetod als endzeitlichen Ersatz für den Sühnopferkult des Tempels“ durchsetzen und habe darauf symbolisch und mit dem Tempelwort hingewiesen.[89]

Vermutlich war eine Tempelaktion Jesu begrenzt und wurde von nur wenigen beobachtet, da sonst die jüdische Tempelpolizei oder römische Soldaten aus der an den Tempelbezirk angrenzenden Festung Antonia sofort eingeschritten wären.[90]
G
Gefangennahme
Giotto di Bondone – „Gefangennahme“

Von wem Jesu Festnahme ausging, ist umstritten. Der damalige Hohepriester Kaiphas könnte sie aufgrund der Tempelaktion vom Vortag veranlasst haben: Als Vorsitzender des Sanhedrins, der obersten Religionsbehörde des damaligen Judentums, war er für kultische Vergehen und Verbrechen im Sinne der Tora zuständig. Dafür konnte er Strafverfahren einleiten und Todesstrafen verhängen, aber unter damaliger römischer Besatzung nicht ausführen.[91] Er verfügte über eine jüdische Wache für den Tempelbezirk, während römische Soldaten das übrige Stadtgebiet kontrollierten.

Möglicherweise ließen die Tempelpriester Jesus auch ohne direkte Provokation vorsorglich festnehmen, da er wie andere vor ihm von den Römern als möglicher Aufrührer wahrgenommen wurde. Sie hätten unter Druck gestanden, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, um den Tempelkult fortsetzen zu können.[92]

Jesus und seine Jünger lagerten im Garten Getsemani am Fuß des Ölbergs, einer Lagerstätte für Pessachpilger. Dorthin soll Judas Ischariot in der Nacht nach dem letzten Mahl aller Jünger mit Jesus eine mit „Schwertern und Stangen“ bewaffnete „große Schar“ (oχλoς, Mk 14,43) bzw. „Söldnertruppe“ (σπειρα, Joh 18,3) geführt haben. Paul Winter nahm daher an, dass Jesus nicht vom Sanhedrin festgenommen und verurteilt worden sei, sondern von den Römern in Begleitung von bewaffneten Juden der Tempelgarde. Die Besatzer hätten mögliche politisch-revolutionäre Tendenzen unterdrücken wollen, die in Jesu Gefolgschaft vorhanden gewesen seien oder durch seine Botschaft und Taten hervorgerufen werden konnten.[93] Die meisten christlichen Historiker halten demgegenüber an der Initiative der Tempelpriester im Passionsverlauf fest, wie sie die Evangelien darstellen.[94]

Historiker beider Positionen nehmen gemeinsame Interessen der Römer und jüdischen Eliten an Jesu Festnahme an. Denn der „Tempelkonflikt“ habe die Machtposition der jüdischen Eliten unmittelbar bedroht, unvorhersehbare Folgen für die Autonomie der jüdischen Gemeinschaft gehabt und somit andauernde politische Instabilität verursachen können.[95] In diesem Sinn gilt die von Kaiphas überlieferte Abwägung als plausibel (Joh 18,14 EU):

„Es ist besser, dass ein Mensch statt des Volkes stirbt.“

Da Jesus die Sympathien des Volkes besaß, wurde er „mit List“ (Mk 14,1) festgenommen, nämlich nachts (Mk 14,17.49).

Nach allen Evangelien versuchten einige Jünger, Jesus mit Gewalt zu verteidigen. Dies habe er jedoch zurückgewiesen und seinen Tod als Gottes vorherbestimmten Willen angenommen. Laut Mk 14,48f sagte er zu den Soldaten:

„Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag war ich bei euch im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet; aber (das ist geschehen), damit die Schrift in Erfüllung geht.“

Daraufhin seien seine Anhänger geflohen (Mk 14,50). Dass die Soldaten sie nicht verfolgten, weist eher auf einen religiösen als politischen Grund der Festnahme hin.
Vor dem Hohen Rat
Giotto di Bondone – „Jesus vor dem Hohen Rat“

Nach allen Evangelien brachte man Jesus dann ins Haus des Hohenpriesters (Mk 14,53), wo er geschlagen und verhöhnt worden sei (Mk 14,65). Ob es einen regulären Prozess gegen ihn gab, bezeugen die Quellen nicht eindeutig. Nach den Synoptikern hielt der Hohe Rat im Haus des Kaiphas eine nächtliche Sitzung und beschloss nach Jesu Messiasbekenntnis ein Todesurteil; eine zweite Ratszusammenkunft am folgenden Morgen beschloss und vollzog Jesu Übergabe an die römischen Behörden. Das Johannesevangelium erwähnt dagegen nur ein Verhör durch Hannas (Joh 18,19ff), den Vorgänger und Schwiegervater des Kaiphas (Joh 18,13).

Nach dem markinischen Prozessbericht (Mk 14,55–64 EU) wollte der Sanhedrin Jesus von vornherein zum Tod verurteilen (v. 55). Dazu vernahm er zuerst Zeugen, die behaupteten, Jesus habe Unmögliches, nämlich den Abriss und Neubau des Tempels innerhalb von drei Tagen, geweissagt (v. 58; Joh 2,19). Dass die Tempelpriester solche prophetische Tempelkritik verfolgten, zeigt das Beispiel Jeremias (Jer 26,1–19), des „Lehrers der Gerechtigkeit“ in einigen Schriftrollen vom Toten Meer und des Unheilspropheten Jesus ben Ananias, der 62 in Jerusalem die Zerstörung von Tempel und Stadt ankündigte. Todesurteile deswegen sind dafür jedoch nicht überliefert.[96] Dtn 18,22 tadelt falsche Prophetie als „Vermessenheit“ und konnte zu einem Todesurteil führen, wenn sie zugleich als Verführung des Volkes zum Götzendienst gedeutet wurde (Dtn 18,20; 13,2–6 u. a.). Der Talmud beschrieb Jesus im Traktat Sanhedrin 43a später als zu Recht verurteilten Volksverführer. Dies wird jedoch als Niederschlag der Polemik zwischen frühchristlichen Gemeinden und Juden gedeutet.

Nachdem das Zeugenverhör keine übereinstimmenden und damit keine juristisch verwertbaren Aussagen ergab, soll der Hohepriester Jesus schließlich direkt gefragt haben (v. 61):

„Bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“

Diese traditionelle Vermeidung des Gottesnamens wird als Verweis auf die Messiasweissagung Nathans in 2Sam 7,12–16 und damit auf einen weltlichen Machtanspruch im Sinn einer Davidnachfolge gedeutet.[97] Darauf habe Jesus geantwortet (v. 62):

„Ich bin es; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzend zur Rechten der Kraft und mit den Himmelswolken kommen.“

Mit diesem in den Evangelien einmaligen Bekenntnis hätte Jesus auf die Vision der Weltherrschaft des Menschensohns nach Gottes Endgericht in Dan 7,13f angespielt und dessen Vollmacht für sich beansprucht. So hätte er die national begrenzte Erwartung des Hohenpriesters zur Abschaffung aller Gewaltherrschaft im Sinne der apokalyptischen Tradition im Buch Daniel korrigiert (vgl. Mk 8,38 und Mk 13,24ff). Dort ist der Menschensohn kein Davidnachfolger und besitzt keine politische Macht, sondern erhält Gottes Vollmacht nach dessen Gericht über alle politischen Weltmächte.

Nach Mk 14,63 zerriss der Hohepriester daraufhin sein Amtskleid, wertete Jesu Antwort also als Blasphemie und damit als Schuldbeweis. Diesem Urteil sei der Rat einstimmig gefolgt (v. 64). Ein politischer Messiasanspruch galt im Judentum damals nicht als blasphemisch: Rabbi Akiba erkannte den Anführer der aufständischen Juden Simon Bar Kochba um 132 wahrscheinlich als Messias („Sternensohn“) an. Manche Exegeten gehen daher davon aus, dass der Hohepriester erst die Menschensohn-Ankündigung Jesu als todeswürdig ansah. Denn sie bestätigte für ihn die Anklage auf Falschprophetie, und die Sadduzäer lehnten Daniels Apokalyptik als Irrlehre ab.[98]

Andere beurteilen Jesu Menschensohnbekenntnis als nachösterliche Deutung der Urchristen: Denn es sei in den Evangelien einmalig und setze Jesu Vergöttlichung schon voraus.[99] Es gilt dann als urchristliche Anspielung auf Jesu Parusie oder auf seine Auferstehung.[100] Dabei wird eine apokalyptische Erwartung im damaligen Judentum vorausgesetzt, die auch die Urchristen teilten: Diese erstmals von Albert Schweitzer 1906 vertretene These bestätigten die ab 1947 entdeckten Schriftrollen vom Toten Meer.

Der Bericht des Markusevangeliums über Jesu Prozess und Auslieferung vor dem Sanhedrin (Mk 14,52–15,1) betont dreimal (v. 53, 55 und 15,1), dass die Ratsmitglieder Jesus einmütig verfolgten; nach v. 64 erging auch ihr Todesurteil einstimmig, nach v. 65 nahmen „etliche“ auch an seiner Misshandlung und Verspottung teil. Diese Motive werden von Historikern bezweifelt, weil sie späteren jüdischen Prozessregeln widersprechen (Mischna Sanhedrin IV/1; vgl. Babylonischer Talmud, Sanhedrin 17a). Paul Winter nahm an, dass diese Regeln schon zu Jesu Zeit galten, aber in seinem Fall nicht befolgt wurden. Er hielt den ganzen rechtlichen Rahmen des Prozesses vor dem Sanhedrin für historisch unglaubwürdig; der Evangelist habe die Schuld am Tod Jesu nachträglich von den Römern auf die Juden übertragen.[101]
Vor Pilatus

Um Jesu rechtzeitige öffentliche Hinrichtung zu erreichen, formten die Ratsmitglieder das Todesurteil am folgenden Morgen in die Anklage eines politischen Messiasanspruchs um (Mk 15,1). Entgegen der Tradition (Dtn 18,22) sahen sie sich offenbar zu schnellem Handeln veranlasst. Der Talmud verlangte später eine Ein-Tages-Frist zwischen Urteil und Vollstreckung; diese wäre im Falle Jesu missachtet worden, falls es sie damals schon gab. Die akute Aufstandsgefahr beim Passahfest und eine rechtzeitige Kreuzigung vor Anbruch des Sabbats könnten diese ungewöhnliche Eile motiviert haben (Joh 19,31; vgl. Dtn 21,23).

Der Hinrichtungsbefehl des Pilatus gilt als wahrscheinlich, da auch außerchristliche Historiker ihn erwähnen. Umstritten ist jedoch seine Rolle: Nach Markus, dem die übrigen Evangelien darin folgten, war er nicht von Jesu Schuld überzeugt und bot dessen Anklägern seine Freilassung anstelle eines bereits verurteilten „Aufrührers“ – Barabbas – an. Doch eine von den Priestern aufgestachelte Volksmenge habe ihn zur Hinrichtung Jesu gedrängt – Kreuzige ihn! –, so dass er ihnen zuletzt nachgab (Mk 15,2–15). Diese Darstellung wird angezweifelt, da viele Juden Jesus zuvor als möglichem Thronanwärter zugejubelt hatten und das römische Recht nicht als für sich gültig akzeptierten. Paul Winter und anderen Autoren zufolge überarbeitete Markus den ihm vorliegenden Passionsbericht mit deutlich antijüdischer Tendenz, um den römischen Statthalter zu entlasten und die jüdischen Führer als Hauptschuldige zu belasten.[102]

Pilatus und Herodes sollen anlässlich der Verurteilung Jesu Freunde geworden sein (Lk 23,11f). Dies spiegelt die Kollaboration jüdischer Führer mit den römischen Besatzern.

Nach allen Evangelien verurteilte Pilatus Jesus als „König der Juden“, wie es die bei Römern übliche Kreuzestafel angab (Joh 19,19). Laut Joh 19,21 protestierten die Sadduzäer erfolglos gegen diese: Jesus habe bloß behauptet, der Messias zu sein. Demnach deutete Pilatus Jesu Messiasanspruch als politischen Führungsanspruch, den er nach römischem Recht als Hochverrat (crimen maiestatis), Anstiftung zum Aufstand (seditio) und staatsfeindlichen Aufruhr (perduellio) ahnden musste. Denn nur der römische Kaiser hatte das Recht, Könige ein- oder abzusetzen. Mit Jesu Hinrichtung wollte Pilatus wahrscheinlich ein Exempel gegen alle rebellischen Juden statuieren.

Klaus Haacker sieht den entscheidenden Grund für den Hinrichtungsbefehl in Jesu eigenem Verhalten: Seine Antwort auf die Frage nach einer angemaßten Königswürde (Du sagst es, Mk 15,2) und sein folgendes Schweigen (Mk 15,5) habe Pilatus nach geltendem römischem Gesetz als Geständnis werten müssen, das sein Todesurteil erzwungen habe. Für die Urchristen war dies jedoch ein Unrechtsurteil, da Jesus keinen bewaffneten Aufstand geplant habe (Lk 22,38). Für sie stellte der Kreuzestitel kein angebliches Verbrechen fest, sondern bestätigte Jesu Würde als des Kyrios Christus, des Herrschers aller Herren (Offb 19,16).
Kreuzigung
Mit der öffentlichen Geißelung begann die römische Hinrichtungsprozedur (Mk 15,15–19). Diese Folter war integraler Bestandteil einer römischen Kreuzigung und wurde oft so brutal durchgeführt, dass der Verurteilte bereits daran starb.[103] Die Verhöhnung durch die römischen Soldaten wird oft als „Verspottungsritual“ verstanden, das von Jesu Verurteilung als „König der Juden“ veranlasst und zum „Spott über die Juden und ihre messianische Hoffnung“ vollzogen wurde.[104]

Danach zwang man Jesus, sein Kreuz zum Richtplatz vor die Stadtmauer zu tragen. Nach Mk 15,21 wurde ein zufällig von der Feldarbeit vorbeikommender Jude genötigt, ihm die Last abzunehmen. Sein Name, „Simon von Kyrene“ aus der nordafrikanischen Exilgemeinde Kyrene, war den Urchristen noch Jahrzehnte später mitsamt den Namen seiner Söhne bekannt: Dies wird als Solidarität zwischen Urchristen und Diasporajuden gedeutet. – Nach Mk 15,27 wurde Jesus zusammen mit zwei „Räubern” auf dem Hügel Golgota („Schädelstätte“) vor der damaligen Jerusalemer Stadtmauer gekreuzigt, nach Lk 23,39ff begleitet von Hohn und Spott der Anwesenden.

Die Kreuzigung war im römischen Kaiserreich die grausamste Hinrichtungsmethode, meist angewandt gegen Aufständische, entlaufene Sklaven und Einwohner ohne römisches Bürgerrecht. Sie sollte jüdische Augenzeugen demütigen und von der Teilnahme an Aufruhr abschrecken. Juden galt sie als Verfluchtsein durch Gott (Dtn 21,23; Gal 3,13). Der Todeskampf konnte je nach Ausführung tagelang dauern, bis der Gekreuzigte verdurstete, am eigenen Körpergewicht erstickte oder an Kreislaufversagen starb.[105] Der vormarkinische Passionsbericht nennt dazu keine Details und gibt nur an, dass Jesus „um die dritte Stunde” gekreuzigt wurde und „um die neunte Stunde” starb. Mit einer Anspielung auf Ps 69,22 erwähnt Mk 15,23 und 15,36, dass die Soldaten Jesus „Myrrhe in Wein” (nach Mt 27,34 „Wein…mit Galle”) vor der Kreuzigung anboten. Während er diesen Trank aus der Hand seiner Henker ablehnte, habe er aus jüdischer Hand einen mit Weinessig (Posca) getränkten Schwamm kurz vor seinem Tod angenommen.

Nach Mt 27,46 und Mk 15,34 rief der sterbende Jesus auf Aramäisch die Worte des Ps 22,2 EU:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Die wiederholten Anspielungen auf Psalmen (Mt 27,35.43), auf das Lied des Gottesknechts in Jes 53,1–12 (Mk 15,5; 15,28) und auf Ps 35,19 (Joh 15,25) stellen Jesus in die Reihe der zu Unrecht verfolgten, von der Gewalt aller Feinde umringten und an Gottes Gerechtigkeit appellierenden Leidenden.[106]
Grablegung

Römer ließen gekreuzigte Leichen oft zur Abschreckung und Demütigung der Anhänger und Angehörigen Tage und Wochen hängen, bis sie verwest waren, zerfielen oder von Vögeln gefressen worden waren. Für Juden dagegen verstieß diese Praxis gegen das Toragebot Dtn 21,22f., wonach an ein Holz Gehängter noch vor Ablauf seines Todestages beerdigt werden sollte.

Nach Mk 15,42ff. war Jesus vor Anbruch der Nacht gestorben. Daher habe Josef von Arimathäa Pilatus darum gebeten, ihn vom Kreuz abnehmen und bestatten zu dürfen. Darauf habe Pilatus sich Jesu Tod vom römischen Aufseher der Hinrichtung bestätigen lassen und seinen Leichnam dann zur Bestattung freigegegen. Diese für Römer ungewöhnliche Freigabe wird als Rücksicht auf Gefühle und Religion der Juden gedeutet, um beim Pessachfest keine Unruhe auszulösen. Eine römische Bestattungserlaubnis für gekreuzigte Juden setzte auch Josephus voraus (Bellum Judaicum 4,317).[107]

Nach Mk 15,46 ließ dieser „angesehene Ratsherr” Jesu Leichnam noch am selben Abend nach jüdischem Brauch einbalsamieren und in ein neues Felsengrab legen. Die gesetzmäßige Grablegung eines Verurteilten gehörte für einige Exegeten zu den Zuständigkeiten des Sanhedrin.[108] Jesu Grab wurde mit einem schweren Stein verschlossen, wie es damals in Jerusalem für fromme Juden üblich war (Eduard Schweizer). Zwei Frauen aus Galiläa, die Jesus bis zu seinem Tod begleitet hatten, wurden nach Mk 15,47 Zeugen dieses Vorgangs.