Liebe deine Feinde!
Liebt eure Feinde
Liebe Schwestern und Brüder,
werft keine Perlen vor die Säue. Dieses Wort spricht Jesus gleichsam in seiner Bergpredigt. Doch tun wir im lieben, in der Barmherzigkeit unseren Widersachern gegenüber nicht genau das? Werfen wir hier nicht den Maßstab von Gerechtigkeit und Strafe, von Stolz und Erniedrigung in den Schmutz dieser Welt?
Und überhaupt – warum nur sollte ich das denn tun?Diese Frage stellt sich wohl ein jeder, der mitten in einer Auseinandersetzung mit dem vermeintlichen Feind diesem Bibelwort entsprechen will, aber gerade da es nicht vermag? Was nur verlangt Christus hier von uns? Wie und vor allem wer soll den hier dem gerecht werden, was Jesus fordert?
Streit und Zwietracht kommt ja in den besten Familien vor. Gerade jetzt an Weihnachten, wo der Versuch Harmonie zu züchten oftmals in einem formvollendeten Familienstreit endet. Frohes Fest!
Und dererlei Feindschaften gibt es ja leider all zu oft im Leben. Nachbarn streiten sich um Bagatellen allein um der Lust des Siegs zuliebe, der aber, wenn erreicht, so oft nichts übrig lässt, was einem diesen Sieg genießen ließe. Die Gerichte sind überlastet. Und dennoch: leider erkennen wir nur oft zu spät, das sich solche Reibereien, solche kriege am Gartenzaun einfach nicht auszahlen. Denn eines ist gewiss: an diesen Auseinandersetzung haben Andere ihre finanzielle Freude. Also dennoch den Sieg über die Vernunft stellen?
Natürlich wissen wir: es gibt Auseinandersetzungen, die geführt werden müssen, hingegen nicht mit allen Mitteln, Denn wenn klar ist: hier kämpft man nur noch, weil niemand den Mut hat „Stop“ zu sagen, dann gibt es schlechterdings keinen rechtfertigenden Grund mehr, den Frieden zu verwerfen um den Auseinandersetzungen weiter fröhnen zu können.
Frieden ist immer ein holpriger Weg, ein Weg, der oft auch weh tun kann. Denn schließlich stehen vor Auseinandersetzungen immer auch verletzte Gefühle, die nach Heilung schreien.Wieviel Arroganz und Bosheit tun wir uns gegenseitig an, wo wir doch wissen: meine Seele braucht eigentlich etwas ganz anderes, etwas friedliches, heilsames. Doch wenn davon nichts in Reichweite erscheint, dann gehen oft die Pferde mit uns durch. Wieviel Leid und Verletzung in Schule, beruf und Kirche könnten wir uns ersparen, wenn wir dem Hass abschwören, um der Liebe zu dienen. Sicher weiß ich: der, der für den Frieden sich einsetzt, der, der mit Vernunft versucht, Konflikte zu klären, zu besprechen, wird schnell in die“Weich Ei“ Schublade gedrückt. Gerade wo es doch so wichtig ist, cool und stark zu sein, oder aber vielmehr so zu wirken.
Das Image ist leider viel zu wichtig für uns geworden. Nur wo Gesellschaften sich Ideale, sich Stereotypen angeeignet haben, dann muss man immer aufpassen, das die kostbare Maske nicht von einem fällt. Denn was könnte man da wohl preisgeben? Doch wohl nur unser wahres Ich, das leider so oft durch ein falsches und fehlgeleitetes Ideal verbogen, verknautscht, verformt wird. Denn man will ja dazu gehören! Nur wer braucht wirklich diese gesellschaftliche Anerkennung, wer braucht wirklich ein Image der Perfektion wenn erkannt wird: Gott hat mich so geschaffen wie ich bin! Trauen wir ihm mehr zu als uns wenn es darum geht, Menschen zu formen. Denn wenn wir beginnen Hand an uns zu legen – ja dann ist das oft der wunderbare Beginn einer Jagd, bei der man sich selbst hinter her rennt. Was für verschenkte Zeit.
Ich versuche ja schon Jahre lang, dem anspruch: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die uns hassen“ zu entsprechen. Teilerfolge sind zu vermerken, hingegen ist klar: ich habe und wahrscheinlich werde ich dieses große Ziel nie erreichen. Zu schwer erscheint es, Geduld mit Menschen zu haben, die manches mal und mancherorts auf unserer Seele und unserem Selbstbewusstsein herum trampeln. Wie dann noch die andere Wange hinhalten? Und schon stehen wir da mit unserem Gefühl der Ungerechtigkeit und Genugtuung. Was also nun?
Und überhaupt: auf dieser Welt hören die Nachrichten von Kriegen und Unruhen niemals auf. Das Genom der Vergeltung scheint zu tief zu sitzen. Denn wenn wir alle nach zwei Weltkriegen noch nicht den Sinn und Unsinn von Vergeltung und Gegenvernichtung erkannt haben, wo kann da noch Rettung auf uns warten?
Denn es ist eben nicht so, das Angriffskriege irgendwie gerechtfertigt sein werden. Egal, welch edle Motive man über diese Kriegsentscheidung wirft. Denken wir nur einmal an die vielen Familien, die ausgelöscht wurden in einem Krieg gegen Menschen, deren einziges Ziel die Vernichtung von Menschen geworden ist, deren Leben schon im religiösen Wahn von ihnen genommen wurde. Denn so ein Mensch wird nur noch geführt, geführt von Ideologien und Hasstiraden Anderer, die sich die Hände nicht schmutzig machen wollen. Hier hat der Mensch seine Apellierfähigkeit verloren. Vielmehr: er hat Gott verloren!
Liebt eure Feinde. Unmöglich für Menschen, deren Religion Hass und Vernichtung predigt, eine Religion, die einfach nicht erkennen will, das sie zum Keimling von Fanatismus und Vernichtung von Menschenleben geworden ist, das sie nicht mehr Menschen befreit sondern versklavt und als Waffen einzusetzen versucht. Und dennoch ist klar: ich, wir alle glauben an einen Gott der Liebe, einen Gott, den es Schmerzen bereiten muss, wenn sich seine Kinder abmetzeln, vernichten, ausgrenzen. Eine Religion, die das aus dem Blick verliert, verliert in meinen Augen ihre Existenzberechtigung. Denn dann ist sie selbst zu Hass und Gewalt degeneriert, degeneriert zu einer sektengleichen Kommune. Und dennoch: liebt eure Feinde!
„Vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern überwindet das Böse durch das Gute“(Röm.12,21).
Doch bekämpft man nicht Feuer mit Feuer? Wir werden hier doch nicht zu Pazifisten, zu Konfliktflüchtern, die im Anzug eines Gewitters das Weite suchen? Will das etwa Gott?
Oft genug habe ich solche Worte gehört. Oft genug wurde mir gesagt: der Glaube ist doch nur eine Krücke für Gescheiterte, die ihr Leben eben nicht in den Griff bekommen. Auch wenn es schwer fällt: liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.
Denn eines ist klar: es gibt auf dieser Welt keinen, der mutiger war als die Vielen, die für ihren Glauben das Leben ließen. Ja, es gibt und gab Menschen, die das Böse mit dem Guten des Glaubens bekämpften, auch wenn das hieß, das eigene Leben lassen zu müssen.
All jene, die den Glauben als Verniedlichung, als Lehre des Flüchtens darzustellen versuchen, sei gesagt: hätten Sie für Ihre Überzeugung das Leben gelassen? Hätten sie sich für einen anderen Menschen bis aufs Blut eingesetzt? Schwere Fragen, doch meistenfalls weiß ich schon die Antworten, das atheistische Lamento, das klar macht: sie können dem Glaubenden in Christus Jesus nicht das Wasser reichen. Denn dieser lebt nicht mehr im ständigen blicken auf sich selbst, sondern auf den, der größer, der stärker, der liebevoller ist als es diese Welt jemals sein kann. Das Licht des Glaubens ist Kraft des Glaubens, eine Kraft, die uns geschenkt wird eben weil wir Gottes Kinder sind.
Nur woran hängen sich Mensche, die den Halt des Glaubens verachten? Worauf hoffen Menschen, die die Hoffnung des Glaubens verachten? Welche Liebe leben die Menschen, die die Liebe Gottes verachten? Eine gute, aber oftmals eine traurige Frage.
Sicherlich: das Leben als Christ ist nicht dauerhaft einfach lustig, so als on alle Probleme von einem fallen, wie als wenn der Gläubige in einer Parallelwelt leben würde, in der er nichts fürchtet, in der er immer bejaht, in der er immer und überall vom Bösen verschont bleibt.
Doch schon die Bibel zeigt: dem ist nicht so. Welches Leiden ertrug Hiob, welche Traurigkeit musste Maria tragen, als ihr toter Sohn auf ihrem Knie lag, welche Enttäuschung musste Jesus tragen, wo er erkannte, das in seinen letzten Stunden keiner seiner Jünger ihm zur Seite stand.
Christ sein ist nicht Happyness, sondern die Erkenntnis: mit allem was mir geschenkt wurde, werde ich auch das tiefste Tal durchqueren können. In allen Dingen findet man letztlich bei Gott allein eine Liebe, die ganz uns gewidmet ist, die uns betrifft und aufrichtet.
Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen. Ungeheure Seelenkraft fordert dieser Anspruch Jesu an uns. Denn wir wissen: der Automatismus, Verletzungen gerade dadurch zu bewältigen, indem man dem Gegenüber desgleichen antut, ist immer wieder präsent, nimmt immer wieder unser Herz in Anspruch. Obgleich wir wissen: der Mensch ist etwas anderes als sein Verhalten. Der Mensch ist Werk Gottes, das Böse, das oftmals Menschen in Gänze die guten Kräfte ihm entzieht ist letztlich Überwältigung, Überwältigung der unser Glaube nicht genug Kraft entgegen zu setzen hatte. Angriffe werden immer wieder uns verletzen, demütigen, niederkämpfen. Und doch wissen wir: ltztlich entscheidet ein anderer über unsere Taten. Denn gerade da, wo wir unserer Verletzung nicht nachgeben, da geben wir Raum dem Zorn Gottes.
Die Rache ist mein, spricht der Herr. Denn Gott weiß: Hass, Vergeltung verletzen beide – den, der schuldig an uns wurde und uns, die sich dem Willen Gottes entziehen. Gott ist das Gute, er ist das Recht und die Gerechtigkeit. Er soll entscheiden, er soll richten das Unrecht, das uns angetan wurde, denn wir wissen: unsere Gerechtigkeit wird leuchten wie der helle Mittag ( vgl. Ps.37).
Viele Menschen können gerade heute die Frage stellen: warum soll man sich denn nicht wehren, wenn einem Unrecht getan wurde, warum die Täter schützen und die Opfer Opfer sein lassen?
Und überhaupt: wie steht man denn da, wenn man das Spiel der Beleidigung und Feindschaft nicht mitspielt. Dann tanzen doch alle mir auf dem Kopf herum, dann werden wir erst recht zum Gespött der anderen. Die Antwort: es ist an uns, diesen Kreislauf von Auge um Auge, Zahn um Zahn zu durchbrechen. Denn Jesus unser Herr wurde beleidigt, verspottet, geschlagen und in aller Erbärmlichkeit an das Kreuz geschlagen. Er nahm demütig den Willen des Vaters an, er schlug nicht, wo er geschlagen wurde, er beleidigte nicht, wo er gedemütigt wurde. Dieser dornige Weg muss zu unserem Weg werden. Wir sind hier, um ihn, um Gott in dieser Welt sichtbar zu machen. Wir haben unser Leben nicht, um uns um unsere Ehre, unser Ansehen zu kümmern. Wir sind hineingegeben in eine Mission, die Christus uns zeigte. Gott ist die Liebe. Also wie kann Liebe verachten, schlagen, zertreten? Wie kann Liebe demütigen und wie kann Liebe verletzt werden? Denn unsere Liebe ist die Liebe Gottes zu den Menschen, unsere Liebe wird uns auch schützen vor Gedanken und Taten von Zorn, Hass, Gewalt. Glauben wir immer daran! Das ist unser Schatz, unsere Rüstung des Glaubens.
Wir als Christen werden niemals allein unser Kreuz tragen müssen. Denn vor uns gab es immer wieder Menschen, die sich von Gottes Licht durchfluten ließen. Helle Menschen, Menschen, die im Glauben ihre Heimat fanden – das müssen, das werden wir werden, mit der Hilfe Gottes. Jeder Selige, jeder Heiliger spricht uns an, fordert uns auf, gerade ihm zu folgen. Denn niemand, der sein handeln an Christus ausrichtet, wird jemals verworfen werden. Gott ist die Liebe – also tun wir es ihm gleich!
Lassen Sie mich ein wenig erzählen von Emilia. Sie ist auf den ersten Blick ein ganz normales Mädchen. Gut in der Schule, freundlich und hilfsbereit. Sie scheint immer fröhlich zu sein, jedenfalls zeigt sie sich so.
Doch dann der Stimmungswechsel. Plötzlich sieht sie die Welt mit anderen Augen an – pessimistisch, traurig, hoffnungslos. Es schien kein Licht mehr zu geben, an das sie sich klammern konnte.
Emilia starb durch Suizid und wurde auf einem Friedhof ganz in der Nähe zur Ruhe gebettet.
Emilia – sie war eine von ca. 1 Millionen Menschen, die sich weltweit das Leben nehmen.
Eine Million Verzweifelte, die sich verlassen fühlten, eine Million Menschen, die keine Rettung fanden im Wort Gottes, eine Million Menschen, denen der Glaube und die Kirche keine Hoffnung gaben.
Ist sich also der Mensch sich selbst zum Feind geworden?
Ist das Leben hier, auf unserem gemeinsamen Planeten mehr Qual als Freude, mehr Bedrückung als wir verkraften können?
Eines scheint klar: wir müssen etwas ändern, ändern in unsrem Leben, in der Arbeitswelt, in unseren Beziehungen zueinander. Burn out ist in den letzten Jahren zur Krankheit Nummer eins avanciert. Wir schaffen es eben nicht mehr, uns am Arbeitsplatz als reines Humankapital ansehen zu lassen, einfache Mitarbeiterkapazitäten, die nach erfolgreicher Ausbeutung durch jüngere, durch Menschen mit höherem Marktwert, ersetzt werden. Beispiele gibt es hierfür genug. Und warum das alles? Weil ein guter Gewinn den Unternehmen oftmals nicht ausreicht, weil die Gier nun einmal Ressourcen frisst und weil das Menschenbild von heute den Menschen degradiert, zum Objekt von Leistung herunter transponiert.
Stehen wir auf. Lehnen wir uns auf gegen eine Welt, in der der Mensch nichts mehr zählt, lehnen wir uns auf dagegen, wenn wir den Alltag nicht mehr ertragen können.
Liebe deine Feinde heißt daher für mich: liebe dich selbst, lasse es nicht zu, das du dein eigener stärkster Feind wirst, der dich irgendwann vernichten wird. Denn da, wo wir mit uns uneins sind, da zerberstet unsere Seele in Krankheit, Depression, Zerstörung.
Tut wohl denen, die euch hassen. Denn wer nicht mit sich in Frieden leben kann, der wird vom Selbsthaß irgendwann zerstört werden. Bewahren wir uns davor. Und dabei rede ich ganz bewusst in der „wir“ Form. Denn dort, wo wir aufstehen, wenn es Menschen nicht gut geht, wenn Menschen gedemütigt, ausgenutzt werden, dort beginnt der Keimling des Reiches Gottes auf zu gehen.
Erst wenn wir die Gier nach immer mehr geheilt haben, erst dann werden wir wieder menschenwürdig mit uns leben können. Geiz ist eben nicht geil, wenn wir gegenseitig auf unsere Gesundheit zu leben versuchen.
Liebe deine Feinde. Das ist der Anspruch Christi an uns.
Auch wenn er in Gänze, in seiner ganzen Tiefe nie wirklich lebbar ist, so zeigt er uns doch den Weg zum Herrn.
Sich selbst zu überwinden, belastbar und ertragensfähig zu werden kostet Kraft. Doch wissen wir: das Leben, dessen wir nachfolgen, war kein gemütlich gutes Leben. Christi Leben war geprägt von Leiden und Passion und darin gerade getragen vom Willen des Vaters, dessen er immer zu erfüllen versuchte.
Also machen wir uns auf. „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“ – diese Zeilen singt Xavier Naidoo und er hat recht damit. Denn wir sind die Kinder Gottes, wir sind dazu berufen, „alle Welt zu Jüngern Christi zu machen“. Doch auch wenn dieser Weg, den Christus uns weist schwer ist, so ist doch unser Glaube an ihn und seine unverbrüchliche Liebe stärker, erhabener als alle Probleme dieser Welt. Glauben wir daran!
Christus sprach zu dem Synagogenvorsteher, dessen Tochter im sterben lag: „fürchte dich nicht, glaube nur“! Tun wir desgleichen
AMEN.

