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Das Vater unser - Weg zu Gott, Weg zum Glauben

Das Vater unser – Weg zur Mitte des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder,

klopft an, so wird euch aufgetan werden! Ich fand diese Stelle des Evangeliums immer schon spannend, tröstend und voller Hoffnung. Wir kleinen Menschen können bei Gott anklopfen? Wir alle heute zusammen – unsere Bitten werden nicht verhallen, sind nicht reine Gewissensberuhigung ohne Wirkung! Klopfen wir an das Herz unseres Herrn! Er wird uns öffnen.
Doch wie klopfen wir, wie sieht es aus, wenn wir um Gottes Teilnahme an unserem Leben bitten wollt. Denn gleichermaßen heißt es: wer bittet, dem wird gegeben! Nur wie, und überhaupt: was wird uns gegeben?
Viele Fragen stehen im Raum – sicher haben auch sie verehrte Leser ähnliche Fragen an unseren Herrn?

In der Bergpredigt Christi erzählt er uns Menschen, damals wie heute, wie man recht vor Gott betet. Denn gerade so klopfen wir an sein Herz, gerade durch das Gebet norden wir uns auf den Willen und die Gnade Gottes ein. Ein jedes Gebet hat unglaubliche Kraft, Kraft zu verändern, Kraft tiefer in der Liebe zu wachsen, Kraft, um selbst Erlösung und Frieden zu finden.
Christus betet:

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
wie im Himmel
so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Und führe uns nicht in Versuchung
Sondern erlöse uns von dem Bösen
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
In Ewigkeit
AMEN!

Das Vater unser – egal wo sie sich aufhalten mögen, dieses Gebet hat jeder einmal gehört, auch wenn im Gottesdienst oftmals stotterndes brabbeln mehr nach den Worten zu suchen scheint, als Gebet zu Gott zu sein.
Doch dieses Gebet schenkt uns viel viel mehr. Es sind mehr als bloße Worte, Worte, die an das Herz Gottes rühren sollen. Dieses Gebet führt uns einen Weg des Glaubens, dieses Gebet vertieft unseren Glauben. Wer sich auf diesen Weg einlässt, dem wird Gott und der Glaube an ihn Mittelpunkt des Lebens werden. Mit diesem Gebet hat Gott einen jeden von uns übermäßig reich gesegnet, auch wenn wir das oftmals nicht erkennen. Denn wenn die Worte des Vater unser tief in unsere Seele dringen, so passiert uns Wunderbares. Wir lernen Gott tiefer und wirklicher kennen, wie auch wir uns selbst anders wahrnehmen, anders Bedeutung zumessen werden. Das Vater unser ist das Gebet des Glaubens. Damals, jetzt und in alle Zeit.

Lernen wir alle heute durch die Worte Jesu in seiner Bergpredigt, das Gebet zu unserer Kraftquelle zu machen. Machen wir uns auf den Weg – sie werden erkennen, wie sehr sie sich über dieses Geschenk Gottes freuen werden!

Wenn ich einmal meine Augen in unsere Runde werfe, so erkenne ich viele bekannte Gesichter. Familien, die schon Jahrzehnte hier am Ort leben, arbeiten, glauben. Ein Segen, wenn Kinder in einer Glaubenstradition aufwachsen können, ein Segen, wenn unser Herr Jesus Christus einem jedem Kind Freund, Helfer und Bewahrer sein darf. Selbstverständlich ist das nicht mehr heutzutage. Immer mehr entfernen sich Familien, Kinder und Kindeskinder von Gott um vom Glauben. Sie kennen Gott nicht, doch Gott kennt auch jeden Einzelnen von ihnen – Gott sei Dank!
In meiner Familie und, wie ich denke, in jeder christlichen Familie steht das Gebet an oberster Stelle. Es gibt keinen Glauben ohne beten, es gibt keine Beziehung zu Christus ohne das Gebet. Denn wir wissen: nur dem, der bittet, wird gegeben werden!

Und doch verfallen wir oftmals einem Fehler: wir vergessen, zu wem wir eigentlich beten.
Schnell sind wir dabei, Gott unsere Wünsche, unsere Sorgen und Ängste anzuvertrauen. Doch hier übersehen wir: Gott ist kein „Wunschomat“, in dem man Kleingeld einwirft und der dann bedingungsfrei unsere Wünsche wahr werden lässt. Gott ist anders, ganz anders!
Die ersten Zeilen des Vater uns helfen uns, wieder das rechte Bild von Gott zu bekommen. Denn hier beten wir: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!
Haben Sie es erkannt: an dieser Stelle hören wir kein „ ich, mir, uns“, weil wir unser ganzes Gewahrnehmen auf den hin verlegen, zu dem wir beten. Zu Gott, den Pantokrator, dem Heiligkeit gebührt, dessen Wille einziger Wille sein muss, der aber dennoch groß genug ist, ganz klein, ganz liebevoll uns seine Kinder zu nennen. Wir beten zu unserem Vater, zu Gott, den wir voller Vertrauen „abba, Vater“ nennen.
Eigentlich unglaublich, oder? Wir sündhafte, unvollkommene Menschen, ausgerechnet wir sprechen in solch einer Nähe über Gott den Herrn. Eigentlich unglaublich.
Und doch zeigt sich: wirkliche Größe, wirkliche Liebe braucht keine Ehrfurcht, keine Ängste vor dem, der unendlich größer ist als wir. Wir sind auf Gott hin verloren und wissen: nur durch seine Liebe, durch die Erlösung von unseren Sünden vom Kreuz in Golgatha her sind wir alle eins mit dem Herzen Jesus, dem Herzen Gottes geworden. Im Heiligen Geist ist Gott in uns anwesend, wir sind seine Tempel geworden.
„ Wer euch hört, der hört auf mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich, und wer mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“( Lk.10, 16).
Zwei Dimensionen sind hier vereint. Zum einen die klare Erkenntnis: Gott ist Gott allein. Nichts von uns kann ihm entsprechen, kein noch so heiliges Leben kann bis an ihn heranreichen, doch zum anderen: unser Gott ist unser Vater, dessen Wille uns in ihn birgt, dessen handeln an uns immer von Liebe getragen werden wird.

Stellen Sie sich eines vor: sie sind Mitte dreißig, sie wissen: heute ist mein letzter Tag. Morgen schon werde ich grausam nieder gemetzelt, verworfen, erniedrigt und wie das Opferlamm vor der geifernden Masse zum Schauspiel degeneriert.
Was kann ihnen die aufkommende Furcht und Todesangst nehmen? Was kann ihnen helfen in dieser Stunde?
Schauen wir in den Garten Gethsemane. Es ist der Vorabend der Hinrichtung Jesu. Dort liegen seine Jünger, müde von Trauer und Angst, am Boden, ohne Hoffnung, ohne Lichtblick. Dort hinten sehen wir Jesus, der Blut schwitzt, dessen Seele unerträgliche Qual ertragen muss. Wir wird man damit fertig, das die einzige Perspektive, die einem bleibt der qualvolle Tod sein wird? Christus betet, er betet um sein Leben, um seine Begnadigung und doch betet er nicht, wie vielleicht sie oder ich. Er betet, als ob er klar vor seinem Vater stünde, als ob Jesu letzte Erkenntnis und Trost ist, das der Wille seines Vaters geschehen möge. Er weiß nun, das er nicht verschont wird, verschont wird von seiner Mission des Leidens.
Christus hat erkannt, wer der Vater ist, zu dem er spricht. Er ist die Unendlichkeit, er ist alle Kraft und Stärke, die dennoch voller Zärtlichkeit zu uns sich niederbeugt. Unseren Wille in den Willen Gottes zu geben, bedeutet: Gott allein weiß, was gut für mich ist. Mein Wille ist Stückwerk, ist immer nur vorläufig. Doch Gottes Wille ist immer auch ein Geschenk der Liebe. Nichts was er uns schenkt, wird uns zum Nachteil reichen.

Stehen wir auf. Beten wir das Vater unser in dem Bewusstsein, zu wem wir hier beten. Wir können volle Liebe und voller Hoffnung ihm, dem Vater, alles anvertrauen, was uns bedrückt, niederschlägt. Seine Macht kennt keine Grenze und seine Macht ist immer die Liebe, die Liebe zu jedem einzelnen von uns.

II. Worum wir bitten

Warum nur erbitten wir im Vater unser so wenig? Verstehen Sie mich nicht falsch, doch auch ich trete im Gebet zu meinem Herrn mit all meinen Sorgen und Ängsten und hier überschreite ich ganz deutlich die Bescheidenheit des Vater unser. Denn ehrlich muss ich gestehen: versuchen wir nicht nur all zu oft in Gott den zu erkennen, der all das, was wir für unser Leben für wichtig halten, auch erfüllen möge. In all den Nöten die uns treffen können, in Krisenzeiten, in Zeiten der Depression und Dunkelheit – immer treten wir zu unserem Vater mit der Bitte um Erlösung. Ganz anders sollen die Lebensumstände werden, ganz anders soll das Leben verlaufen, in dem wir geradezu so unglücklich geworden sind.
Gerade jetzt stelle ich mir die Frage: was fällt uns eigentlich ein, Gott unsere Sicht der Dinge zur Beachtung oder auch zur Erfüllung zu überbringen? Denn wir vergessen nur all zu leicht: wir erkennen unser Leben nur in Fragmenten. Keiner von uns weiß, was Morgen sein wird, niemand weiß, ob er die Menschen, die er liebt, am nächsten Tag auch noch um sich weiß. Unser Leben ist nicht vorhersagbar, ist nicht planbar oder transparent. Klar erkennen wir: Gott allein kennt den Weg unseres Lebens, er allein ist es, der uns das Leben schenkte, er soll es auch sein, der dieses Leben als unser Geschenk an ihn in den Händen hält.

Das tägliche Brot, Vergebung, Schutz vor dem Bösen – das ist es, das ist es, was wir im Vater unser erbitten.
Anfangs ist man sehr überrascht. Gibt es nicht noch so viele Dinge im Leben, wo seine Hilfe gebraucht wird?
Doch schauen wir genauer hin, und wir erkennen: das Vater unser spannt seinen Wirkbogen aus über unser heute, gestern und morgen. Kein Tag wird vergehen, an dem wir nicht die Gnade Gottes brauchen, in dem wir nicht um Vergebung bitten müssen, in dem wir nicht vergeben müssen, damit wir den Tag nicht über unserem Zorn untergehen zu lassen.
Heute, nicht morgen, müssen wir um die Dinge des Lebens bitten, damit wir von Gott unser tägliches Brot, physisch und pneumatisch erhalten. Doch vergessen wir hier nicht: das Leben ist mehr als essen und trinken, das tägliche Brot ist auch das Wort des Herrn, das unsere Seele jeden Tag benötigt wie ein Baum, der das kühle Nass einfach zum Leben, zum überleben braucht.
Und wenn wir nach vor blicken, so brauchen wir den Schutz des Herrn vor Versuchung, Versuchungen, die unseren Glauben, unsere Seelengesundheit vergiften. Das Böse ist kein leerer Begriff, er ist jeden Tag und jede Minute greifbar, erkennbar, spürbar. Hier brauchen wir den Schutz dessen, der das Böse überwunden hat, der den Satan wie einen Blitz vom Himmel hat fallen sehen. Denn die Liebe ist die größte Macht auf Erden, nicht die Lebensglitterung, die Versuchungen dieser Welt.
Wir müssen erkennen: da Vater unser, das Jesus uns lehrte, stellt uns in jeder Bitte an den Vater das Bild Jesu vor Augen, ein Bild, dem wir immer ähnlicher werden müssen, sollen, können. Denn Jesus war der Versuchte in der Wüste, der mit der Kraft des Evangeliums den Satan besiegte, Jesus ist das Brot des Lebens, in dem er sich uns ganz, bedingungslos zeigt und Jesus ist es, der unsere Schuld aus reiner Gnade tilgte am Kreuz des Kalvarienberges. Das Vater unser ist das Gebet, das uns immer tiefer hinein in das Mysterium fidei führt. Denn wenn wir erkennen, unseren Blick auf unseren Christus, den Versuchten, dem Vergebenden, dem, der das Brot des Lebens ist, nicht abzuwenden, dann werden wir erkennen: wir treten jeden Tag neu in eine Beziehung zu Christus. Christus will gesucht, gefunden, erkannt werden. Greifen wir immer und jeden Tag zu dem Christusbild, das die Bibel von ihm skizziert. Mehr bedürfen wir nicht.

Machen wir uns auf, zu diesem Gott des Vater unser. Hier ist Gottes Gegenwart, hier ist die befreiende Kraft der Liebe gegenwärtig.
Lernen wir immer mehr, Gott das Wirken in unserem Leben zu überlassen. Blicken wir in jedem Gebet auf den Christus des Vater unser, vertiefen wir uns immer mehr in sein Bild, in seine Liebe. Christus ist kein entfernter Gott, er ist unser Freund, das Gegenüber der tiefsten Liebe, unser Grund, dessen Gegenwart jedes Leben sinnvoll macht.
Werden wir uns wieder klar darüber, wer Gott und wie wertvoll seine Liebe zu uns ist. Gott, dem das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit inne wohnt, ist nicht besiegbar! Werden wir stark in der Macht seiner Stärke, denn in der Gegenwart Gottes, der Liebe, werden wir niemals angreifbar werden in dieser Welt, diesem Leben, dieser Zeit.

AMEN.