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Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der

Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt

Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.
Lukas 14, 27



Das Kreuz meiner Großeltern stand auf dem Schreibtisch, groß, mit einem Jesus. Als Kind saß ich oft auf dem Schreibtischstuhl meines Großvaters und schaute es an. Das schmerzvolle Gesicht, den schmerzgekrümmten Leib – Eindrücke aus frühester Kindheit.
Es gab viele Kreuze in der Wohnung meiner Großeltern.
Im Schlafzimmer an der Wand, im Nachttisch meiner Großmutter, als Lesezeichen in Andachts- und Gebetsbüchern meines Großvaters, das Kreuz auf dem Berg, von Caspar David Friedrich an der Wand und das wunderbare silberne Kreuz am Hals meiner Großmutter.
Es gab viele Kreuze im Leben meiner Großeltern.
Beide durften nicht den Beruf erlernen für den sie sich berufen fühlten. Pfarrer und Kindergärtnerin, denn damals hatten die Eltern zu entscheiden, was ihre Kinder werden sollten.
Als sich beide kennen lernten, war mein Großvater sehr krank und es bestand wenig Hoffnung auf Genesung. Aber was niemand glauben wollte geschah mit Gottes Hilfe dennoch. Er wurde gesund und sie konnten heiraten.
Die Mitarbeit bei der bekennenden Kirche riet man ihnen, nach der Geburt des ersten Kindes, ab, wegen der Gefährdung der kleinen Familie. Pfarrer Niemöller blieb ein enger Freund der Familie und taufte die beiden ersten Kinder.
Dann kam der Krieg, die Einberufung als Sanitäter, noch zwei Kinder. Bomben auf Berlin, Übersiedlung zu den Eltern der Großmutter, auch da Bomben. Sie half heimlich französischen Kriegsgefangenen mit Lebensmitteln, dafür half ihr einer von ihnen, ein Kinderarzt, als alle vier an Scharlach erkrankten. Bomben zerstörten das Haus der Eltern, Übersiedlung ins Flüchtlingslager. Der Großvater kam aus französischer Kriegsgefangenschaft und alle mussten wieder bei Null beginnen. Übersiedlung nach Halle, aktive Gemeindearbeit, Repressalien durch die Staatssicherheit und der Versuch doch noch Theologie in Wittenberg zu studieren, aufgegeben wegen des akuten Geldmangels und Erkrankung meiner Großmutter bestimmten die nächsten Jahre. Wie soll man eine sechsköpfige Familie ernähren als Student?
Der Traum war geplatzt! Der Traum von Seelsorge und einer Pfarre auf dem Land. Die Seelsorge die in der Gefangenschaft Freundschaften entstehen lies, die bis ans Lebensende reichten.
Dann endlich wieder Arbeit in Berlin, am Konsistorium. Die Familie zog nach, als endlich eine Wohnung gefunden war, in Potsdam.
Hier also sollten sie nun endlich Wurzeln schlagen, die Kinder beendeten die Schule, lernten Berufe.
Aber nochmals sollte das Schicksal zuschlagen. Diesmal durch den Bau der Mauer, der ihnen zwei ihrer Kinder für lange Zeit unerreichbar werden ließ. Erst in den siebziger Jahren, nach Erleichterungen des Reiseverkehrs gab es die ersten Wiedersehen nach vielen Jahren.
Wir als Enkelkinder verlebten viele schöne Ferientage im Hause der Großeltern. Es gab keine großartigen Erlebnisse, aber es gab Geborgenheit, Verständnis, Liebe, gelebten Glauben.
Ich kann mich noch an die Unmengen von Post erinnern, die vor allem zu den Feiertagen eintrafen, an meinen Großvater, ewig schreibend, lesend und Pfeife rauchend, an seinem Schreibtisch, welcher übersät war mit Zeitungen, Büchern, Papieren, Briefen etc.
Ich erinnere mich an meine erste Kinderbibel, an Antworten auf meine Fragen, an die große Bilderbibel die ich so oft angesehen hatte.
Ich erinnere mich an eine immer tätige Großmutter, die immer für alle da war, geholfen hat wo sie nur konnte, die schon an der Haustür gesehen hat, wenn ich wieder Sorgen hatte und mich ohne Fragen oder Vorwürfe einfach in den Arm genommen hat.
Ich erinnere mich an zwei alte Menschen in Liebe verbunden, an kleine Aufmerksamkeiten im großen Alltag, ein kleines Buch, eine Schachtel Konfekt, jeden Tag ein weißes gebügeltes Oberhemd bis ins hohe Alter, weiße Lilien zum Hochzeitstag, der Gute Nacht Kuss vor dem Schlafengehen.

Ich erinnere mich an all diese Dinge nicht voller Schmerz, sondern voller Dankbarkeit, denn sie haben mein Leben geprägt bis heute.

Das Kreuz Christi ist über die ganze Welt hin verteilt; jedem kommt zu allen Zeiten sein Teil davon zu. Wirf darum dein Teil nicht weg, nimm es lieber auf wie eine Reliquie und lege es nicht in einen goldenen oder silbernen Schrein, sondern in ein güldenes, das ist sanftmütiges und liebreiches Herz. Da wandelt sich Fluch in Segen, Unrecht in Billigkeit, Leiden in Herrlichkeit.
Martin Luther



Textautorin: M.C. Alle Rechte vorbehalten