Meine Zeit steht in Deinen Händen ( Ps.31,16)
Meine Zeit steht in Deinen Händen
„Meine Zeit steht in deinen Händen“ ( Psalm 31,16)
15Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! 16Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen. 17Laß leuchten dein Antlitz über deinen Knecht; hilf mir durch deine Güte!
Liebe Schwestern und Brüder,
Schönheit, Jugend, Selbstbestimmung. Wenn wir drei Schlagwörter für unsere Zeit suchen, dann müssten diese ganz oben stehen. Nichts scheint uns wichtiger geworden zu sein, als dem eigenen Willen zu dienen. Alter, das Beschäftigen mit den letzten Dingen wird vor die Tür des eigenen Lebens gesetzt. Nur wer jugendlich, agil und schön im Sinne dieser Welt ist, nur der scheint sein Leben recht zu leben.
Dennoch gab es Grenzen, Grenzen, die nunmehr überschritten, weg gewischt werden. Denn wo Gottes Wille verdrängt wird, dort, wo nur noch Selbstbestimmung das maß der Dinge ist, da hat der Mensch begonnen, unmenschlich zu werden. Was ich will, das zählt. Und die Sache mit Gott? Die Sache mit dem Glauben, einem Glauben, der Generationen auch in den tiefsten Verzweiflungen wieder zum Licht hindurchführte? Ist das uns alles gleichgültig geworden, haben wir uns selbst so vergöttert, das wir Gott nicht mehr sehen können, wollen?
„Ich aber Herr hoffe auf dich“ ( Ps.31, 15)! Hier spricht David zu uns, der vom Waffenknecht zum König Israels avancierte, der David, der das Unmögliche möglich machte. In Mut und Tapferkeit, ohne Angst vor Konsequenzen besiegte er Goliath, gegen den sich niemand sonst auflehnte.
Ein König, so denken wir, muss doch ein herrliches Leben haben. Prunk, Macht, Reichtum – alles ist ihm gegeben, sein Wille wird zum Gesetz, zum Gesetz für jedermann.
Doch was lesen wir: nicht auf sich verlässt er sich, nicht versucht er, seine eigene Haut zu retten. Gott ruft er an, ihn bittet er, über sein Leben zu verfügen. Denn hier erkennen wir die Größe seiner Stärke, einer Stärke, die nicht aus ihm, sonder allenthalben nur von Gott geschenkt werden kann. Ganz klar befindet er sich in Lebensgefahr, Bedrohung steht vor seiner Tür. Selbstüberwindung, loslassen, das eigene Leben in seine Hände zu legen – das setzt bei David Kräfte frei, von denen er selbst vielleicht noch nichts wusste.
„Meine Zeit steht in deinen Händen“ – das bedeutet nichts anderes als: hier hat jemand erkannt, das es ein anderer ist, der über unser aller Leben und Sterben entscheidet. Denn unser Leben ist Geschenk, ein Geschenk, das wir mit unserem Tod an Gott wieder zurückgeben.
Eine tiefe Demut bringt David hier zum Ausdruck. Er hatte Macht, weltliche Macht. Doch er erkannte: es wacht der Wächter umsonst, wenn Gott nicht mit ihm wacht.
Auch wenn wir Menschen immer wieder versuchen, vor manchen Lebensrealitäten zu flüchten, so erkennen wir auch: das Thema mit dem Tod, das Thema mit dem Sterben und dem Leiden ist immer auch unser aller Thema.
Christus starb für uns Christen in Leid, Verachtung und Einsamkeit. „Mein Herr, warum hast du mich verlassen?“ Das schreit Christus in seiner Seelendunkelheit heraus und das dürfen wir auch. Wir dürfen mit Gott hadern, wir dürfen ihn fragen, warum dieses Leben so ungerecht ist, warum es die Guten oftmals am schlimmsten trifft als jene, die ganz auf Bosheit eingenordet sind. Denn eines wird hier ganz deutlich: das Hadern mit Gott, mit ihn in einen Dialog treten zu müssen, zu wollen, lebt von der Grundlage der Einsicht: Gott lebt, er ist da, auch wenn es in mir finster geworden ist. Er ist unser Gott und Vater, immer drückt er uns an sein Herz.
„ Meine Zeit steht in deinen Händen“ – das bedeutet: auch wenn mich Krankheit bedroht, auch wenn ich weiß, das mein Leben bald enden wird, so gibt uns das Vertrauen auf Gott den Mut, weiterzuleben. Denn wir wissen dann: er bestimmt über unser Leben und unseren Tod, er, der reine wirkliche Liebe zu uns ist. Keine Liebe, keine Sorge um uns kann reiner sein als die unseres Herrn.
Das eigene Leben gehört nicht uns, denn wir haben es uns nicht selbst geschenkt. Dies müssen wir wieder neu erlernen.
Selbstbestimmung über die eigene Existenz hört an den Grenzen von Geburt und Tod evident auf. Wir haben das Geschenk des Lebens nicht zu beenden, in welcher Form es uns auch entgegentritt. Wir sind es nicht, die ungeborenes Leben töten dürfen, wir sind es nicht, die sterbendes Leben eigenbestimmt zu beenden haben. Jedes Leben ist von Gott und hat auch somit seine eigene, unverletzbare Würde, eine Würde, die unverbrüchlich jedes Leben bejaht, bejahen muss.
In dieser Woche lasen wir von einem Urteil des BGH zum Thema Sterbehilfe.
Hier heißt es, das Menschen, die irreversibel krank sind, dann von lebensverlängernden Maßnahmen getrennt werden dürfen, wenn sie dies einmal als ihren Willen bekundet haben.
Groß war die Resonanz: endlich eine Stärkung des Patientenwillens, endlich bekommt der Mensch das scheinbare Recht darüber, über das eigene Leben bestimmen zu dürfen.
Ich bin der festen Überzeugung: hier verlässt der Mensch seine Grenzen.
Denn eines ist sicher: die wenigsten haben schriftlich über diese Frage Ihren Willen dargelegt. Genügt es denn, wenn Familienangehörige den scheinbaren Willen des Kranken kundtun, was zur Beendigung dessen Lebens an Glaubwürdigkeit ausreichend ist?
Hier öffnen wir dem Missbrauch Tür und Tor, hier können wir nicht verhindern, das auch andere Motive die Entscheidung überlagern, inwieweit ein Mensch lebensverlängernde Maßnahmen erhält oder nicht. Dies entwürdigt den Menschen, dies macht das Kranksein, das Leiden und sterben unmenschlich willkürlich.
„Meine Zeit steht in Deinen Händen?“ – können wir das jetzt überhaupt noch sagen?
Wie nur kann der Mensch anderen Menschen mehr Vertrauen entgegenbringen, als dem Herrn und Gott, der das Leben schenkte?
Weil Gott immer der Gegenspieler eines in allen Bereichen selbstbestimmten Lebens ist, ein Leben, das die Wahrheit und die wirkliche Liebe in Klammern setzt, sie verdrängt und missbilligt.
Paulus schrieb in seinem Brief an die Galater:
Galaterbrief 2,20 :Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.
Wir Christen wissen: unser Leben ist kein Selbstzweck. Denn dann wäre der Primat der Selbstbestimmung über Leben und Tod durchaus berechtigt.Denn hier könnten wir Gott, sein Wort und den Glauben an ihn unbenutzt in die Ecke stellen.
Doch die Wahrheit sieht anders aus.
Wir alle stammen von dem einen Vater ab. Ein jeder ist geliebt und gebraucht um seinetwillen. Gott umfängt uns mit seiner Liebe, in der er uns nichts aufbürdet, was wir nicht zu tragen imstande wären.
Ich vertraue diesen Worten.
Ich glaube fest daran, das wenn mein eigenes Leben nur noch ein glimmender Docht ist, er allein dieses Licht auslöschen darf. Kein Mensch darf über Leben und Tod eines anderen entscheiden. Keinem Menschen darf es erlaubt sein, missbräuchlich dem Gedanken anzuhängen, das es doch für alle besser wäre, wenn der Kranke in Würde sterben dürfte.
Doch der Tod hat keine Würde.
Ich bin der festen Überzeugung, das die Problematik der Sterbehilfe niemals pauschal beantwortet werden kann und darf. Ein jeder Patient ist Subjekt, kein Objekt bei dem vorher bekannt ist, was man pauschal im Falle seiner unheilbaren Erkrankung mit ihm machen kann und nun auch darf. Gott allein sieht den ganzen Menschen, sein Leid, sein Herz, seine Willenskraft zum Weiterleben.
Denn wir wissen: Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er allein ist unser Herr. Er trägt unser Leben, auch wenn wir beladen sind mit dem Kreuz von Leid und Krankheit.
Denn was er tut, das ist recht getan!
„Meine Zeit steht in deinen Händen“ - doch in den eigenen Händen soll die Entscheidung zwischen Leben und Tod gelegt sein. Diese beiden Positionen prallen unweigerlich aufeinander.
Ich weiß jedenfalls: Mein Erlöser lebt. Dies erkannte auch schon Hiob und wir Christen dieser Welt müssen dies wieder in unser Leben, in das Leben dieser Welt hineintragen.
Er allein liebt mich ohne Einschränkung, ihm allein will ich mein Leben anvertrauen, auch wenn ich nicht mehr selbst über mich bestimmen kann. Leid bedeutet nicht apriorisch Flucht. Wir müssen nicht vor dem eigenen Leben weglaufen, denn im leiden sind wir Gott, Christus am nächsten. Er wird uns die Stärke finden lassen, alles aus seiner Hand anzunehmen.
Wir Christen sind dazu berufen, für das Leben aufzustehen.
Keine Willkür, kein menschlicher Wille darf über Leben und Tod bestimmen. Hier müssen klare Bedingungen geschaffen werden, die einen Missbrauch dieses Urteils erlauben würden.
Seien wir wachsam! Kämpfen wir um jedes Leben!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus
AMEN.





