Nendikt XVI über die Gier
Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens", erklärte er vor den Gläubigen in dem voll besetzten gotischen Gotteshaus. Alles Wissen der Erde nutze nichts, "wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt".
"Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht", sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Der Sonntag habe sich in den westlichen Gesellschaften zum Wochenende und damit zur Freizeit gewandelt: "Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und aufhilft."
Mit seinen Worten spielte Benedikt indirekt auf die kontroversen Diskussionen in Österreich um eine Sonntagsöffnung von Geschäften an. Die katholische Kirche ist strikt dagegen und mahnt zu einer Beibehaltung des Sonntags als "Tag des Herrn". Auch der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn betonte in einem Grußwort, es gebe mittlerweile eine "breite Allianz für den Sonntag", die gegen die derzeitigen "Aushöhlungstendenzen" vorgehen wolle.
Benedikt war in ein prächtiges hellgrünes Messgewand samt grüner Mitra gehüllt, das eigens von einer Benediktinerin aus Oberösterreich für die Feier entworfen worden war. Auf dem Platz vor dem "Steffl", wie das Wahrzeichen Wiens liebevoll von den Bürgern genannt wird, hatten sich trotz anfänglichen Regens zahlreiche Gläubige versammelt.
Sie waren - wie bereits die Teilnehmer an der Messe in Mariazell am Samstag - in leuchtend gelbe und grüne Plastik-Regenmäntel gehüllt. "Sobald der Papst auftaucht, fängt es an zu regnen", kommentierte ein Sprecher im österreichischen Fernsehen das schlechte Wetter.
Nach der Messe stand ein Gebet auf dem Platz vor dem Stephansdom auf dem Programm, zu dem sich mehrere zehntausend Menschen versammelt hatten. Am Nachmittag war ein Besuch des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz vorgesehen. Außerdem war eine Rede vor ehrenamtlichen Mitarbeitern karitativer Einrichtungen geplant, bevor der Papst am Abend zurück nach Rom fliegen wollte.
Papst geißelt vor dem G8-Gipfel die Gier
«Liebe in Wahrheit» heißt die Erklärung, mit der Benedikt XVI. die Wirtschafts- und Finanzkrise aus katholischer Sicht kommentiert. Seine erste Sozialenzyklika rechnet mit Maßlosigkeit, Gewinnstreben und Spekulantentum ab.
Papst Benedikt XVI. hat sich für eine neue Weltfinanzordnung ausgesprochen, die von Ethik, Würde und der Suche nach dem Allgemeinwohl geleitet werden soll. In der Enzyklika «Caritas in Veritate» (Liebe in Wahrheit), der dritten seiner Amtszeit, prangerte der Papst am Dienstag die Mentalität des Gewinnstrebens um jeden Preis an. Diese Gier habe den schwersten Niedergang der Weltwirtschaft seit der Großen Depression herbeigeführt. In der Sozialenzykla plädiert das Oberhaupt der Katholiken für eine «ganzheitliche Entwicklung aller Völker». Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise wie auch die Globalisierung sollten dabei als Chance genutzt werden, eine Welt in Gerechtigkeit und Solidarität zu schaffen.
Die Enzyklika kam einen Tag vor dem Beginn des G8-Gipfels der sieben führenden Industriestaaten und Russlands heraus, der sich mit der Wirtschaftskrise, mit dem verschärften Hunger in der Welt und den Klimazielen im Kampf gegen die Erderwärmung befasst. Benedikt XVI. hatte seine insgesamt dritte Enzyklika mehrfach verschoben, um sie, beraten von Wirtschaftsexperten, in der Weltwirtschaftskrise zu aktualisieren und dann mit führenden Staatenlenkern diskutieren zu können.
Die bereits von seinem Vorgänger Johannes Paul II. angeregte, über die UN hinausgehende Weltautorität ist nach Benedikts Worten nötig, «um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, eine Verschlimmerung der Krisen und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen.» Außerdem gehe es darum, «eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen, die Sicherheit und den Frieden zu nähren, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren».
Finanzmakler sollen ethische Maßstäbe entwickeln
Für die Finanzmärkte ruft Benedikt nach einer neuen Ethik: «Die ganze Wirtschaft und das ganze Finanzwesen – nicht nur einige ihrer Bereiche – müssen nach ethischen Maßstäben als Werkzeuge gebraucht werden, so dass sie angemessene Bedingungen für die Fortentwicklung des Menschen und der Völker schaffen.» Finanzmakler sollten die eigentlich ethische Grundlage ihrer Tätigkeit wiederentdecken, «um nicht jene hoch entwickelten Instrumente zu missbrauchen, die dazu dienen können, die Sparer zu betrügen». Auch habe sich in den vergangenen Jahren eine kosmopolitische Klasse von Managern gezeigt, «die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richten.»
Der Begriff der Enzyklika ist seit dem 18. Jahrhundert päpstlichen Rundschreiben vorbehalten, die sich an alle Bischöfe, an alle Gläubigen, oder auch an alle «Menschen guten Willens» wenden. Zwar besitzen Enzykliken nicht den Rang der Unfehlbarkeit, sie gelten jedoch als authentische und verbindliche Äußerung des kirchlichen Lehramts. Behandelt werden darin Fragen des Glaubens sowie grundlegende moralische und gesellschaftspolitische Themen. Der Titel einer Enzyklika leitet sich jeweils aus den ersten Worten des in Latein verfassten Dokumentes ab.
«Caritas in veritate» versteht sich als Fortschreibung der von Benedikt eingehend gewürdigten Sozialenzyklika «Populorum progressio» von Papst Paul VI. (1967). Die Liebe in der Wahrheit sei wesentlicher Antrieb für die wirkliche Entwicklung der Menschen, eröffnet Benedikt das Rundschreiben an die Kirche und «an alle Menschen gutes Willens». Ohne Gewissen und Verantwortung werde soziales Handeln «ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft». Das gelte umso mehr in einer Gesellschaft in schwieriger Situation und auf dem Weg zur Globalisierung.
«Die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden, als positive Erfahrungen zuzusteuern und die negativen zu verwerfen», wandte sich Joseph Ratzinger gegen Resignation angesichts der sich häufenden Probleme. Absolut gesehen nehme der weltweite Reichtum zwar zu, doch die Ungleichheiten vergrößerten sich. In reichen Ländern verarmten neue Gesellschaftsklassen. «Während die Armen der Welt noch immer an die Türen der Üppigkeit klopfen, läuft die reiche Welt Gefahr, wegen eines Gewissens, das bereits unfähig ist, das Menschliche zu erkennen, jene Schläge an ihre Tür nicht mehr zu hören.»
«Wir dürfen nicht Opfer sein»
Den Hunger zu besiegen, hält der Papst auch für dringend, «um den Frieden und die Stabilität auf der Erde zu bewahren». Dafür fehle eine Ordnung wirtschaftlicher Institutionen sowie eine gerechte Agrarreform und innovative landwirtschaftliche Technologie. «Wir dürfen nicht Opfer sein, sondern müssen Gestalter werden, indem wir mit Vernunft vorgehen und uns von der Liebe und von der Wahrheit leiten lassen.» Der Papst bekräftigte die «dringende moralische Notwendigkeit einer erneuerten Solidarität», vor allem zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten: «Es gibt Platz für alle auf dieser Erde: Auf ihr soll die ganze Menschheitsfamilie die notwendigen Ressourcen finden.»
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, würdigte die Enzyklika als entscheidenden Beitrag zur aktuellen Globalisierungs- und Gerechtigkeitsdebatte. Der Papst rufe vor dem Gipfel in L'Aquila nicht nur die politisch Verantwortlichen zum Handeln auf, sondern ermutige alle Menschen guten Willens, sich als Gestalter zu sehen. «Umdenken ist bei allen gefordert», so Zollitsch.
«Schwach, blass, diffus»
Der Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach sieht in der Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. entscheidende Defizite. «Gerade die Probleme der Finanzmärkte sind ziemlich schwach und blass dargestellt. Es gibt keine konkreten Anweisungen oder konkrete Orientierungen, wie sie gelöst werden sollen», sagte der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik am Dienstag. «Wenn man es etwas kritisch beurteilt, ist es ein Selbstgespräch des gegenwärtigen Papstes mit seinen zwei Vorgängern.» Die Argumentationsweise des Papstes sei zum Teil sehr diffus, sagte Hengsbach. «Sie ist eigentlich nur verständlich für Leute, die auf dem Boden des Christentums stehen.» (dpa/AP)
