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Über die christliche Gelassenheit

Gott meine Zuflucht und meine Burg. Mein Gott auf den ich traue!(Ps.91,2)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Gelassenheit - ein Gefühl von inneren Frieden, gleich wie der Wind des Lebens einem ins Gesicht weht. Wer sucht, wer braucht es nicht, dieses Gefühl?
Und doch weiß ich ganz genau: es gelingt mir nur selten, wirkliche Gelassenheit zu erleben. Denn nur zu schwer ist die Spirale zwischen Wut, Aufregung oder Zorn, die letztlich negatives Denken hervorbringt, zu stoppen. Gute Vorsätze hatte ich schon so oft gefaßt. Doch man kennt es ja: Sylvester nimmt man sich vor, ein ganz anderer zu werden - und Neujahr ärgert man sich schon, sowas überhaupt gedacht zu haben. Ja, die Sache mit der Gelassenheit ist schwer. Doch auch unmöglich? Kann uns unser Glaube hier gar nicht helfen?

Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wenn ich wüßte: mit ca. 30 Jahren wirst Du in Leid und Schmerz als Verstoßener diese Welt verlassen. Sterben, ohne eigentlich richtig gelebt zu haben!
Eigentlich grausam diese Vorstellung, denn wer will denn wissen, wann und vor allem wie er diese Welt wieder verlassen muss!
Und dennoch: hätte man Freude an diesem Leben? Stünde da nicht unweigerlich fest: ein solches Leben macht keinen Sinn. Leben im Wissen darüber, nach ein paar Jahren Erdenleben an die Endstation gelangt zu sein, ungewiss darüber, welches Leid einem erwartet. Wozu nach vorn denken, wenn doch eh alles sinnlos erscheint. Das ist der Stoff, aus dem tiefe Depressionen wachsen und gedeihen.
Und dann noch anderen helfen? Aber die alle werden es doch wohl besser haben als man selbst, oder? Ein Leben mit Familie, Haus und Hof womöglich, ein Leben, das so einem verwehrt bleiben wird!
Denn wer will sich denn binden an einen Menschen, der seine Frau als Witwe und seine Kinder als Waisen zurück lassen muss?
Doch Jesus tat das genau nicht! Er war es, der den Menschen in ihren Lebensängsten und Sorgen half, er war es, der Mißstände anprangerte, die keiner auszusprechen wagte. Jesus gab sein Leben den Menschen, einem jeden von uns. Er wollte es nicht für sich haben, er wollte nicht dem Ideal eines glücklichen, erfüllten Lebens nachlaufen. Er wollte nur lieben, lieben bis zum Ende, lieben ohne Bedingungen, lieben ohne sich selbst zu sehen.

“Gott meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott auf den ich hoffe” ( Ps.91,2). Das klingt nach dem Lebensmotto unseres Herrn. Denn sein Leben war Sendung, war Mission für den Willen des Vaters, der ihn gesandt hat. Seine Lebensaufgabe - dafür lebte er, obgleich er wußte, wie sein Leben einmal enden wird. Doch die

Liebe war stärker, als die Bedrohung des Todes, seine Liebe überwandt jeden Zweifel an der Barmherzigkeit Gottes, des Vaters.
Jesus, ein Mann der ganz Mensch und ganz Gott war - er kannte die tiefen Täler der Menschen. Auch er hatte Emotionen, auch er brauchte Halt und Zuwendung, auch er wollte geliebt werden. Sein Eingesektsein in den Vater, seine Liebe zu ihm die untrennbar wurde von seinem Denken und Empfinden - diese Liebe gab ihm jeden Tag die Kraft, im heute und jetzt zu leben, nicht das Leben vom Ende her zu betrachten, in dessen Licht es nur dunkel, schwarz und sinnlos erscheint.
Christus lebte den Glauben, der allein mit der Liebe Gottes verbunden ein solches Leben möglich machte.
Denn ohne Glauben, ohne eine feste Verwurzelung, die uns wo wir auch sind, Heimat des Herzens ist - ohne solch einen Glauben sind wir hineingeworfen in diese oft so kalte Welt.
Nur warum vergessen wir so oft diese einzigartige Liebe Gottes zu uns? Warum lassen wir Gedanken zu, die uns immer wieder sagen: hier musst du dich fürchten, hier wird dir Dieses oder Jenes widerfahren? Und dann bemerken wir: die Bedrohung, die wir in unserem Geist gebaut hatten, war in Wirklichkeit das, was uns entmutigte, runter zog, verwirrte.
Wir trauen einfach unserem Gott nichts mehr zu. Immer öfter fühlt man sich verlassen, oft genug kann man die Liebe des Herrn nicht mehr spüren. Doch gerade hier übersehen wir unsere größten Segnungen. Eine Familie, Gesundheit, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf - all das wiegt doch unsere vermeintlichen Lebenskrisen nicht auf. Gottes Segnungen an einen jeden von uns sind unvorstellbar groß, kostbar,lebensnotwendig.
Und doch reiben uns die kleinen Käfer der Alltagsprobleme manchmal völlig auf. Krisen - mit denen werden die Menschen oftmals besser fertig als mit den kleinen Ärgernissen des Alltags.
Also ganz klar: Gelassenheit muss her. Aber wie?

Mögen Sie Geschichten? Ich kenne Ihre Antwort nicht - ich erzähle sie trotzdem einmal!
Stellen Sie sich vor: es war einmal ein König, der lebte in einer wunderbaren Burg. Soweit so gut. Diese war geschützt durch eine meterhohe Mauer - unüberwindbar schien sie zu sein. Bei all dem brandschatzen und Krieg führen keine schlechte Investition!
Unserem König war Sicherheit sehr wichtig. Daher besfestigte er seinen Hauptwohnsitz so gut er konnte. Kein Mann in seinem Reich hätte es besser machen können.
Doch so recht verlassen wollte er sich nicht auf seine kleinen Helferlein. Immer wieder rannte er zu seiner Mauer, schaute über sie hinweg um zu erkennen: nach einer gewissen Zeit sah er nur noch mögliche Gefahren, mögliche Angreifer. Doch letztlich waren

die Angreifer nur Besucher, letztlich waren die Gefahren bei Tageslicht betrachtet keine Gefahren mehr.
Unser König erkannte: so geht es nicht weiter. Ich habe alles in meiner Macht stehende getan - nun ist es an Gott, ob er leben oder sterben sollte durch die Hand seiner Angreifer.
Von nun an stieg er nicht mehr über diese Mauer. Er schwor: erst, wenn seine Mauer von den Angreifern erobert wurde, erst dann wird er kämpfen und sich sorgen, wie es wohl weitergeht. Keine Minute früher!
Und so wurde unser König über 100 Jahre alt und starb müde und lebenssatt in seiner Heimat.
Irgendwie erkenne ich mich in dem König wieder. Immer wieder macht man sich Gedanken über Dinge, die entweder außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten liegen oder aber vielleicht gar nicht eintraten. Schade um die verschwendete Zeit, oder?
Wie also können wir von dem König lernen? Ganz einfach: durch sein Beispiel!

Zuerst brauchen wir eine Mauer, eine Mauer, an der unsere Probleme und Schwierigkeiten abprallen, zerschmettern, zerplatzen. Diese Mauer ist unsere Unbeeindruckbarkeit. Diese zu kultivieren heißt: Gelassenheit zu spüren, Gelassenheit zu produzieren.
Viktor Frankl sagte einmal: man kann ihm alles nehmen, nur nicht seine Freiheit, wie er auf Bedrohungen und Probleme reagiert. Auch uns ist diese Fähigkeit gegeben. Auch wenn es einmal Schwierigkeiten im Beruf, in der Familie oder Beziehung gibt: wenn wir uns nicht emotional in das Loch vor uns werfen lassen, dann erkennen wir: Gelassenheit ist möglich, wenn wir uns nur bemühen, unsere Sorgen in der realen Größe zu beurteilen. Selten wird unser Leben so erschüttert, das es wert wäre, unsere Schutzmauer der Gleichgültigkeit und Unbeeindruckbarkeit nieder zu reißen. Denn betrachten wir unser Leben vom Ende aus, dann werden wir erkennen: all das, worum ich mich hier sorge, hat letztlich, am Ende des eigenen Lebens keine Bedeutung mehr. Oder regen Sie sich auf dem Sterbebett noch über ihren Chef, ihre Arbeit oder Beziehung auf? Warum also tun sie es jetzt?

Liebe Schwestern und Brüder - kommen wir doch alle runter von unseren Mauern, auf denen wir nur immer Bedrohung und Gefahr vermuten. Denn man sieht manchmal gerade das, was man nicht sehen will. Denn die Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.
Erst wenn wir mit unsere unbeeindruckbaren Gelassenheit überwunden werden, so wissen wir: hier in unserer Burg wohnt Gott, denn sein Heiliger Geist ist in uns allen, die Christus nachfolgen. Wir können nicht von Problemen überwunden werden, wenn wir es nicht zulassen, wenn wir uns immer wieder auf das Wort des Evangeliums besinnen, nach ihm leben. Dann hat kein Schrecken dieser Welt, kein Tod, keine Angst, keine Bedrohlichkeiten noch irgendeine Macht über uns.
Sicher - solch ein Verhalten wächst nicht über Nacht. Doch mit Gottes Hilfe, mit Gebet und Hinwendung zu Gott kann, wird es uns gelingen. Machen wir uns auf dem Herrn entgegen.

Bis dahin
AMEN!