Buchempfehlung
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Joseph Kardinal Ratzinger
Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977),
Deutsche Verlagsanstalt (DVA) Stuttgart 1998
191 Seiten, 86 Abbildungen
Nach „Das Salz der Erde" hat die Deutsche Verlags-Anstalt jetzt ein zweites Buch von Kardinal Joseph Ratzinger herausgebracht, in dem der Kardinal dem Leser wiederum mit ganz persönlichen Einsichten und Erfahrungen entgegentritt. „Aus meinem Leben", so der Titel des Buchs, gibt Erinnerungen wieder. Es umfaßt das halbe Jahrhundert zwischen der Geburt Ratzingers im Jahr 1927 und seiner Ernennung zum Erzbischof von München und Freising 1977.
Im Vordergrund steht die Geschichte eines erfolgreichen Gelehrten, dem stets in verhältnismässig jungen Jahren die jeweiligen „Karrieresprünge" gelungen sind. Aber das Buch geht darüber hinaus.
Es sei ihm wichtig gewesen, erklärte Ratzinger am vergangenen Montag im Kloster Andechs, wo der Verlag das Buch in Anwesenheit des Kardinals vorstellte, auch über seinen Glaubensweg, den „Weg mit Gott und der Kirche", Auskunft zu geben.
Dieser Weg begann in der Geborgenheit des Elternhauses, führte über Internat, Priesterseminar und den ersten akademischen Bewährungsproben auf vier verschiedene Lehrstühle, bevor ein Brief des damaligen Nuntius Del Mestri den Theologen Ratzinger an den Wendepunkt stellte, mit dem, wie der Kardinal schreibt, „auf dem Weg meines Lebens die Gegenwart" begann: die Zeit als Bischof.
Über diese Zeit, die ihn bald nach Rom an die Spitze der Glaubenskongregation führte, werde er keine autobiographische Schrift verfassen, erklärte Ratzinger jetzt in Andechs. „Das bleibt den Historikern überlassen." Für den Kardinal sind die Jahre als Bischof „das Jetzt meines Lebens", über das er „keine Erinnerungen schreiben" könne, sondern nur versuche, es „recht auszufüllen". Es wird also bei dieser einen Biographie bleiben, die, wie Ratzinger hinzufügte, nur auf hartnäckigstes Drängen seines Verlegers in Italien entstanden sei und deshalb zuerst in italienischer Sprache erschien.
In Kloster Andechs, also vor passender Kulisse, sprach Alfred Läpple von der „bayerischen Barockfrömmigkeit" aus der der Kurienkardinal entstamme. Der Theologieprofessor und ehemalige Seminarlehrer Ratzingers zeichnete bei der Vorstellung der Biographie den Werdegang seines Schülers nach und wies vor allem auf die Wurzeln hin, aus denen heraus sich alles Spätere entfalten sollte.
Die ersten Kapitel der Erinnerungen des Kardinals, sind so auch überaus erhellend. Sie schildern eine harmonische Kindheit des jungen Joseph mit Schwester Maria und Bruder Georg, und das innige Verhältnis zu den tiefgläubigen Eltern. Das Christentum, wurde als handfeste und sinnlich erfahrbare
Welt erlebt, es schlug sich nieder in Bräuchen, Traditionen und nicht zuletzt in der Liturgie, die der junge Ratzinger als „eine alle Individualität und Generationen übersteigende große Realität" erfuhr, „die zu immer neuem Staunen und Entdecken Anlaß wurde".
Der Glaube bestand nicht aus flüchtigen Ideen oder abstrakten christlichen Werten, sondern er war packend, weil er das Leben veränderte. Die Liturgie verwies auf eine „unerschöpfliche Realität" und die Sakramente bewirkten, was sie bezeichneten. Aufschlußreich sind die Erinnerungen Ratzingers an die ersten Stunden nach der Primiz, die er mit seinem Bruder Georg im Juli 1951 feierte: „Wir waren eingeladen, den Primizsegen in die Häuser zu tragen, und wurden mit einer Herzlichkeit empfangen, die ich mir bisher nicht hatte vorstellen können So habe ich ganz unmittelbar erfahren, wie sehr Menschen auf den Priester warten, wie sehr sie auf den Segen warten, der aus der Kraft des Sakraments kommt. Da ging es nicht um meine Person oder die meines Bruders. Was hatten wir jungen Leute aus unserem Eigenen heraus schon den vielen bedeuten können, denen wir nun begegneten? Sie sahen in uns Menschen, die vom Auftrag Christi berürt waren und seine Nähe zu den Menschen tragen durften. Daß Erinnerungen wie diese mitschwingen, wenn Ratzinger heute etwa die jüngste Laieninstruktion des Vatikan kommentiert und dabei die Sakralität des Priesteramts hervorhebt, ist kaum von der Hand zu weisen.
Eine ähnliche Erfahrung beschreibt Ratzinger in Erinnerung an seine Bischofsweihe am Vorabend des Pfingstfestes 1977. Der Liebfrauendom zu München „war herrlich geschmückt und von einer Atmosphäre der Freude erfüllt, die einen geradezu unwiderstehlich ergriff. Ich habe erlebt, was Sakrament ist - daß da Wirklichkeit geschieht. Dann die Begegnung mit den vielen Menschen, die
den Unbekannten mit einer Herzlichkeit und Freude aufnahmen, die gar nicht mir gelten konnte, sondern die mir wieder zeigte, was das Sakrament ist: Man begrüßt den Bischof, den Träger des Geheimnisses Christi, auch wenn das so.den meisten vielleicht nicht bewußt war". Kirche und ihre Lebensvollzüge erscheinen in solchen Sätzen nicht als fleischloses Konstrukt theologischer Gelehrsamkeit, sondern als geschenkte Tatsache, als Sache der Tat - nur daß nicht der Mensch, sondern Gott der Tuende ist. Anmerkungen Ratzingers zur heutigen Liturgie die am Ende des
Buches zu finden sind und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen.
In seinen Studienjahren in München erlebte Ratzinger zwei Generationen von Theologen. Die Erinnerungen des Kardinals sind auch hier wiederum sehr aufschlußreich. Da waren die Lehrer der älteren Schule, die noch die große Rhetorik der Jahrhundertwende pflegten (das heißt etwas „verstaubt" sprachen) und die liberale Theologie verkörperten, deren wilde Auswüchse die Kirche in
den Modernismus-Streit geführt hatten. Auch Guardini hatte diese Strömung erlebt und als einen durch das Dogma beschränkten Liberalismus bezeichnet. „Das Dogma", so kennzeichnet Ratzinger diese Richtung, „wird nicht als gebende Kraft, sondern nur als Fessel, als Negation und als Grenze in der Konstruktion der Theologie wirksam".
In dem Pastoraltheologen Pascher und seinem Doktorvater Gottlieb Söhngen etwa lernte Ratzinger aber auch die moderne Theologengeneration kennen. Durch sie wurde er Anhänger der Liturgischen Bewegung, die später die Liturgie-Konstitution des Zweiten Vatikanum prägte, durch sie gewann er Zugang zu jenem „wohl schon in den zwanziger Jahren aufgekommenen Gefühl des Aufbruchs, einer
mit neuem Mut fragenden Theologie und Spiritualität, die Veraltetes und Verstaubtes abtat, um zu neuer Freude der Erlösung zu führen". Von diesen Theologen wurde das Dogma nicht mehr als „Fessel, sondern als lebendige Quelle verstanden, die überhaupt Erkenntnis ermöglichte". Auch in seinen Studienjahren erlebte Ratzinger den Glauben als geschenkte und lebende Wirklichkeit: "Die
Kirche war für uns vor allem lebendig in der Liturgie und im großen Reichtum der theologischen Überlieferung. Nicht der Drang, Kirche und Glaube einmal ganz anders zu denken und persönlichen Einsichten zu unterwerfen,erfüllte den jungen Theologen, sondern immer noch - wie in der Kindheit - das Staunen vor dem Mysterium des Fleisch und in der Kirche greifbare Wirklichkeit gewordenen
Gottes.
Wenn ihm auch damals der Ruf eines „Teenager-Theologen" anhaftete, war Ratzinger persönlich sowie als theologischer Lehrer ausgereift und für den weiteren Lebensweg fest geprägt, als die Konzilszeit begann. Als Peritus, das heißt offizieller Konzilstheologe, und als Berater von Kardinal Frings nahm er an jenem Ereignis teil, bei dem sich, wie er schreibt, jene „Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung, die seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in Kirche und Theologie lebendig war, „geradezu ins Euphorische" steigerte. Auch in diesem Kapitel bietet die Autobiographie des Kardinals gleich mehrere Schlüsselstellen. Eine davon beschreibt die Zusammenarbeit mit Karl Rahner, den Ratzinger, wie er jetzt in Andechs sagte, als ganz großen Theologen verehre, aber auch als Gelehrten kennenlernte, dessen Gedankengebäude auf ganz anderem Boden gewachsen waren.
Beide erarbeiteten für die Konzilsväter ein Schema über die Quellen der Offenbarung. „Bei der gemeinsamen Arbeit, schreibt Ratzinger, „wurde mir klar, daß Rahner und ich trotz der Übereinstimmung in vielen Ergebnissen und Wünschen theologisch auf zwei „verschiedenen Planeten lebten". Diese Stelle in den Erinnerungen Ratzingers kann hilfreich sein, nicht nur um die Theologien
zweier Männer, sondern generell zwei Hauptströmungen der nachkonziliaren Theologieentwicklung festzumachen. Das Denken Rahners, schreibt der Kardinal, war „ganz von der Tradition der suarezianischen Scholastik und ihrer neuen Rezeption im Licht des deutschen Idealismus und Heideggers geprägt. Es war eine spekulative und philosophische Theologie, in der Schrift und Väter letztlich keine große Rolle spielten, in der überhaupt die geschichtliche Dimension von geringer
Bedeutung war. Ich war hingegen von meiner Bildung her ganz von Schrift und Vätern und von einem wesentlich geschichtlichen Denken bestimmt". Der Unterschied, der zwischen ihm und Rahner lag, wurde Ratzinger bereits in der Konzilszeit deutlich, „auch wenn es noch einige Zeit dauerte, ehe die Trennung unserer Wege nach außen sichtbar wurde."
Zahlreich sind die weiteren Absätze und Kapitel in der Biographie, die dem Denken des Theologen Ratzinger, wie es sich in zahlreichen Publikationen niedergeschlagen hat, aber auch seinem Handeln als Präfekten der Glaubenskongregation und engem Berater des Papstes eine Tiefendimension zu
geben vermögen. So etwa die Beschreibung der Zeit an der Universität Tübingen, wo er in „das grausame Antlitz des marxistisch-atheistischen Totalitarismus blickte, oder seine Anmerkungen zum Vollzug der vom Konzil beschlossenen Liturgiereform, die so energisch geschrieben sind, daß man fast erwarten könnte, daß sich Ratzinger in Zukunft noch intensiver mit der Reform dieser Reform
beschäftigen wird. Das 1996 herausgegebene Buch „Salz der Erde" wurde inzwischen siebzigtausend Mal verkauft und in vierzehn Sprachen übersetzt. Mit dem fast zweihundert Seiten umfassenden und interessant bebilderten Buch „Aus meinem Leben" dürfte die Deutsche Verlags-Anstalt einen weiteren Bestseller Ratzingers auf den deutschen Markt gebracht haben.
Quelle: Guido Horst, in: „Deutsche Tagespost",
Nr. 39, 28.März 1998, Seite 4




